Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/119

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während der ersten Jahrzehnte ihrer Entwicklung auf Kosten der Landwirtschaft erstarkt. Wurde nicht eingegriffen, so drohte die Landwirtschaft unter die Hämmer der Industrie zu geraten und zerstampft zu werden. Das bedeutete aber nicht nur eine Schädigung der Landwirtschaft selbst, sondern auch einen Verlust für die Nation. Es sind zu wertvolle und unentbehrliche Kräfte, die von der Landwirtschaft auf unser nationales Leben wirken, als daß wir je aufhören dürfen, mit aller Energie zu sorgen für Wohl und Wehe der deutschen Landwirtschaft. Das wirtschaftliche Leben eines Volkes ist nicht wie ein weitverzweigtes Handelsgeschäft, für das die einzelnen Geschäftszweige größeres oder geringeres Interesse haben, je nach dem Stande ihrer momentanen Gewinnchancen.

Volksreichtum und Volksgesundheit.

Abgesehen davon, daß die Landwirtschaft als Produzent wie als Konsument der Industrie durchaus ebenbürtig zur Seite steht, kommen für die rechte Wertung der wirtschaftlichen Kräfte eines Volkes andere als nur wirtschaftliche Gesichtspunkte in Betracht. Die nationale Ökonomie eines Volkes hat nicht nur ökonomische, sondern auch nationale Bedeutung. Es kommt nicht allein darauf an, was durch die verschiedenen Arten des Erwerbs materiell gewonnen wird. Es kommt auch darauf an, wie die Erwerbsgebiete auf die Erhaltung und Entfaltung der physischen und ideellen Kräfte des Volkes wirken. Gewiß bedarf ein Volk der Vermehrung seines Wohlstandes, seiner finanziellen Leistungsfähigkeit. Die Staaten unserer Tage bedürfen dessen noch mehr als die früherer Zeiten. Die moderne Staatsverwaltung mit ihrem ungeheuren Wirkungskreise, vor allem die moderne Staatsrüstung erfordern ganz andere materielle Mittel, als dies früher der Fall war. Aber mit materiellen Mitteln allein kann ein Volk seinen Platz in der Welt weder behaupten noch vergrößern. Physische, sittliche und geistige Gesundheit sind auch heute noch der größte Volksreichtum. Was ein an Geist und Leib gesundes aber armes Volk leisten kann, das hat Preußen im Kriege der sieben Jahre und im Freiheitskampf glorreich gezeigt, während überlegener Reichtum noch niemals die verhängnisvollen Folgen sinkender Volkskraft hat verhüten können. Ein Staat ist keine Handelsgesellschaft. Für den Wettkampf der Völker der Erde ist die wirtschaftliche Stärke von hervorragender Bedeutung, aber die großen Entscheidungen hängen im letzten Ende von anderen Kräften ab und werden nicht auf dem wirtschaftlichen Wahlplatz ausgefochten. Die Binsenwahrheit, daß Geld allein nicht glücklich macht, gilt auch für die Nationen. Auch sie können vermehrten Wohlstandes nur froh werden, wenn ihnen ein gesunder Geist in einem gesunden Körper lebt. Die Regierung darf sich in ihren wirtschaftspolitischen Entschließungen nicht wie ein geschickt spekulierender Kaufmann nach den günstigen Konjunkturen richten, die dem einen oder anderen Wirtschaftsgebiet glänzende Perspektiven eröffnen, sie muß ihre Wirtschaftspolitik der gesamten nationalen Politik unterordnen und ihre Entschlüsse so fassen, daß nicht nur das gegenwärtige wirtschaftliche Wohlbefinden des Volkes vermehrt, sondern vor allem die künftige gesunde Entwicklung der Nation sichergestellt wird. Die Doktorfrage, die sich die Nationalökonomie vielfach zur Beantwortung aufgegeben hat: „Wie wird ein Volk reich, um gut leben zu können?“ muß die

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 103. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/119&oldid=- (Version vom 31.7.2018)