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kritischen Zeiten der Industrie wenigstens einen Teil der Produktion abnehmen, der im Auslande nicht abzusetzen ist. Das alte Wort: „Hat der Bauer Geld, hat’s die ganze Welt“ wird vollinhaltlich wahr, sobald die Industrie mehr als in ruhigen Friedenszeiten darauf angewiesen ist, ihre Kunden im Vaterland zu suchen.

Eine Politik, die nur den Forderungen, Stimmungen und Chancen des Augenblickes dient, die nur tut, was im Moment am leichtesten getan werden kann, die nur ad hoc arbeitet, ohne Rücksicht auf die künftigen Folgen, ist keine Staatskunst. Alle künftigen Möglichkeiten kann auch die besonnenste Politik nicht in ihre Rechnung ziehen. Aber jede unserer Handlungen, jede Entschließung ist Ursache künftiger Wirkungen, und es darf mit Recht vom Politiker gefordert werden, daß er imstande ist, einen Teil der möglichen Wirkungen vorherzusehen. Vor allem aber gibt es gewisse Eventualitäten, die vorausgesetzt werden müssen, weil sie Vorgänge sind, die sich stets in der Geschichte in größeren oder kleineren Zwischenräumen wiederholt haben, Ereignisse, die zum eisernen Bestande der Weltgeschichte gehören. Ein solches Ereignis, das in jede staatsmännische Berechnung einbezogen werden muß, ist der Krieg. Kein Verständiger wünscht ihn. Jede gewissenhafte Regierung sucht ihn mit allen Kräften zu verhindern, solange es Ehre und Lebensinteressen der Nation erlauben. Aber jedes Staatswesen muß in allen seinen Teilen so geleitet werden, als ob es morgen einen Krieg auszuhalten hätte. Das gilt auch für die Führung der Wirtschaftspolitik.

Bedeutung der Landwirtschaft im Kriege.

Gerade im wirtschaftlichen Leben neigen wir, verführt durch eine lange, segensreiche Friedenszeit, mehr als uns gut ist, dazu, uns einzurichten, als müsse dieser Frieden ewig währen. Auch wenn uns in den letzten Jahrzehnten die Kriegsgefahr nicht bisweilen nahe berührt hätte, müssen wir wissen, daß es einen ewigen Frieden nicht gibt und uns das Wort Moltkes gegenwärtig halten: „Der ewige Frieden ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner. Der Krieg aber ist ein Glied in Gottes Weltordnung.“ Es gibt keinen Teil des öffentlichen und privaten Lebens, der vom Kriege unberührt bleibt. Nirgends aber sind die Wirkungen des Krieges unmittelbarer, tiefgreifender als im wirtschaftlichen Leben. Die Folgen eines Krieges, sei er ein glücklicher oder ein unglücklicher, stellen die Folgen jeder, auch der schwersten wirtschaftlichen Krisis in Schatten. Die Wirtschaftspolitik soll der friedlichen Entwicklung dienen, aber sie muß sich die Möglichkeit einer kriegerischen Verwicklung vor Augen halten und nicht zuletzt aus diesem Grunde im besten Sinne agrarisch sein.

Wie im Kriegsfalle die Industrie auf die Kaufkraft der Landwirtschaft angewiesen ist, so ist die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft eine Existenzfrage für die ganze Nation. Diejenigen Parteien und wirtschaftlichen Interessengruppen, die von der Regierung verlangen, sie solle die landwirtschaftlichen Erzeugnisse des Auslandes, in erster Linie die wichtigsten, Getreide und Fleisch, mit einem möglichst geringen Zoll belasten, oder gar zollfrei einlassen, damit die Lebensmittelpreise unter dem Druck der ausländischen Konkurrenz niedrig gehalten, und die privaten Haushaltungen der Industriearbeiter nach Möglichkeit entlastet werden, wollen die Wirtschaftspolitik nach einem imaginären

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 107. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/123&oldid=- (Version vom 31.7.2018)