Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/126

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gilt es, einen Weg zu finden, auf dem Landwirtschaft, Handel und Industrie gleichmäßig und Seite an Seite vorwärtskommen können.

Die Caprivi-Marschallsche Zollpolitik.

Durch ein momentanes Stagnieren der Ausfuhr veranlaßt, hatte sich die Caprivi-Marschallsche Zollpolitik ganz auf die Seite der Handelsverträge gelegt. Um einen raschen Abschluß günstiger Handelsverträge möglichst glatt erreichen zu können, wurde dem Auslande die Herabsetzung der Getreidezölle auf den Tisch gelegt. Die Meinung kluger Geschäftsleute, daß die Ansprüche der Gegenpartei sich nach dem Maße des eigenen Entgegenkommens vergrößern, erwies sich aber schließlich als richtig. Der wichtige Handelsvertrag mit Rußland, das von der Herabsetzung unserer Getreidezölle sehr großen Nutzen hatte, kam erst nach Verhandlungen von vollen drei Jahren, die durch einen Zollkrieg unterbrochen wurden, zum Abschluß. Den Preis für die Handelsverträge hatte die Landwirtschaft bezahlen müssen, die durch die Verminderung der Kornzölle von M. 5.– auf M. 3.50 für die Dauer von zwölf Jahren unter wesentlich ungünstigeren Bedingungen wirtschaften mußte. Das bedeutete, wie sich Bismarck damals ausdrückte, einen Sprung ins Dunkle. Die Handelsverträge selbst haben natürlich auf den Handel außerordentlich belebend gewirkt. Aber es geschah auf Kosten eines großen, mit dem gesamten wirtschaftlichen Wohlergehen der Nation ebenso wie mit unseren großen vaterländischen Traditionen unlösbar verbundenen Erwerbsstandes, der sich zurückgesetzt fühlte und in leidenschaftliche Bewegung und Aufregung geriet. Es ist nicht zu verkennen, daß durch eine Wirtschaftspolitik, die mit einer Benachteiligung eines Erwerbsstandes Vorteile für die anderen bezahlte, die wirtschaftlichen Gegensätze in der Nation vertieft wurden. Die Landwirtschaft war bis zu Beginn der neunziger Jahre im großen und ganzen einträchtig mit den anderen Gewerben Hand in Hand gegangen. Nun setzte sie sich zur Wehr, schuf im Jahre 1893 im Bunde der Landwirte eine starke Organisation, die, wie es allen wirtschaftlichen Interessenverbänden eigen ist, allmählich schroffer und schroffer in Haltung und Forderungen wurde. Der Glaube, daß der Handel und die Exportindustrie gewinnen, wenn die Landwirtschaft verliert, stammt aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre. Dieser Irrtum hat in unsere innere Politik ein Moment des Haders und der Unruhe getragen, das seitdem oft störend und entwicklungshemmend empfunden worden ist.

Der Zolltarif 1902 und seine Gegner.

Die Aufgabe des neuen Jahrhunderts mußte es sein, im Interesse der Landwirtschaft einen gerechten wirtschaftspolitischen Ausgleich zu gewinnen. Das war nötig, nicht nur aus Gründen staatlicher Gerechtigkeit, sondern vor allem, weil es sich zeigte, daß der Glaube, die Landwirtschaft würde trotz der Zollherabsetzung prosperieren können, irrig gewesen war. Ich brachte deshalb im Jahre 1901 den neuen Zolltarif ein, auf Grund dessen neue Handelsverträge unter Berücksichtigung der gerechten Interessen der Landwirtschaft abgeschlossen werden sollten. Dadurch, daß der Handelspolitik ein agrarpolitischer Unterbau gegeben wurde, gewann unser nationales Wirtschaftsleben an innerer

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 110. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/126&oldid=- (Version vom 31.7.2018)