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Führers der konservativen Partei, des Grafen Limburg-Stirum, daß sie sich durch die hyperagrarische Opposition nicht umwerfen und die konservative Partei nicht auf einen falschen Weg geraten ließen. Die gleiche, ebenso anerkennenswerte Einsicht und Widerstandskraft zeigte gegenüber freihändlerischen Tendenzen eines Teils der Liberalen der Abgeordnete Bassermann. So begegneten sich Konservative und Nationalliberale mit dem vom Grafen Ballestrem und dem Abgeordneten Spahn mit staatsmännischem Geschick geführten Zentrum auf dem Boden der Anträge des freikonservativen Abgeordneten v. Kardorff.

Die Opposition des um die landwirtschaftliche Sache sonst sehr verdienten Bundes der Landwirte zeigte, wie auch der besten Sache durch Übertreibung geschadet werden kann. Um unerreichbarer Vorteile willen wurde der erreichbare Nutzen aufs Spiel gesetzt. Der ganze Zolltarif, der bestimmt war, der Landwirtschaft aus langem Notstande zu helfen, sollte verworfen werden, weil er nicht alles gab, was gefordert wurde. Man hat wohl gesagt, die Opposition des Bundes der Landwirte habe der Regierung gegenüber dem Auslande sowohl als auch gegenüber den Parteien den Rücken gestärkt und dadurch zum endlichen Erfolge beigetragen. Das ist nicht richtig. Die verbündeten Regierungen hatten von Anfang an keinen Zweifel darüber gelassen, was sie gewähren und was sie verweigern wollten. Sie hatten unzweideutig erklärt, daß sie sich grundsätzliche Zugeständnisse weder von der einen noch von der anderen Seite nicht würden abhandeln lassen. Ich war von der Notwendigkeit vermehrten Zollschutzes für die Landwirtschaft überzeugt genug, um den Ansturm von links aushalten zu können. Auf der anderen Seite war es selbstverständliche Pflicht, die Aussichten auf einen baldigen Abschluß neuer Handelsverträge von genügender Dauer nicht durch Zollschranken zu verbauen, die für das Ausland unübersteiglich gewesen wären. Die hyperagrarische Opposition hat damals nicht den Rücken der Regierung gestärkt, sondern die Waffen der Opposition geschärft. Die wirtschaftlichen Gegensätze wurden nur noch schärfer und in den Kreisen des Handels und der Exportindustrie konnte die falsche Meinung ins Kraut schießen, daß zwischen ihren und den landwirtschaftlichen Interessen sich eine unüberbrückbare Kluft öffne. Ganz und gar irrig aber war der auf extrem agrarischer Seite gehegte Glaube, daß nach Ablehnung der Regierungsvorlagen alsbald ein anderer Tarif vorgelegt werden würde, der sich die vom Bunde der Landwirte gewünschten Zollsätze zu eigen machte. Das wäre nicht geschehen und hätte nicht geschehen können. Die verbündeten Regierungen hielten eine Fortführung der Handelspolitik für unbedingt notwendig und für die unerläßliche Vorbedingung für jeden Zolltarif. Im Bundesrat hätte sich ganz sicher keine Mehrheit gefunden für eine Politik des zollpolitischen Va-banque-Spiels, bei dem die gesamte Wirtschaftspolitik auf die eine Karte der extremen Zölle gesetzt wurde. Die Sätze des Regierungstarifs stellten das Höchstmaß dessen dar, was die verbündeten Regierungen zu bewilligen bereit waren. Wäre dieser Tarif am agrarischen Widerstande gescheitert, so war nicht daran zu denken, daß ein agrarischerer eingebracht worden wäre. Es hätte bei den alten Caprivischen Sätzen sein Bewenden gehabt. Es wäre vielleicht für sehr lange Zeit alles beim alten geblieben. Die Bemerkung der Kreuzzeitung aus jenen Kampfestagen, der Bund der Landwirte lasse das deutsche Vaterland in schwerer

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 112. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/128&oldid=- (Version vom 31.7.2018)