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Stunde schmählich im Stich, ging in der Erregung zu weit. Aber Tatsache war, daß eine große wirtschaftliche Interessenvertretung damals die Lebensinteressen des von ihr sonst mit Klugheit und Energie vertretenen Gewerbes ohne die Festigkeit der Regierung und die Einsicht der konservativen Führer schwer geschädigt haben würde. Ein Fall, der leider nicht einzig dasteht in der an Verirrungen reichen Geschichte der inneren Politik unseres Vaterlandes.

Die Folgen des Zolltarifgesetzes von 1902.

Mit den Zolltarifgesetzen von 1902 gewann unsere Wirtschaftspolitik wieder den dem Interesse der Allgemeinheit unentbehrlichen agrarischen Einschlag. Neben der mächtig aufblühenden Weltwirtschaft wurde die Erhaltung einer kräftigen heimatlichen Wirtschaft gesichert. Die deutsche Landwirtschaft hat unter dem Einfluß des neuen Tarifs und der auf seiner Basis abgeschlossenen neuen Handelsverträge ein Jahrzehnt kräftiger Entwicklung erlebt. Unsere kernigen und fleißigen Landwirte gewannen das Bewußtsein zurück, daß das Reich an den Erfolgen ihrer Arbeit Anteil nimmt, in der Landwirtschaft nicht das wirtschaftliche Stiefkind, sondern das gleichberechtigte und sogar erstgeborene Kind der Mutter Germania sieht. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe hat sich von 1895 bis 1907 um fast 180 000 vermehrt. Der Viehbestand ist gewaltig gewachsen, das Rindvieh um etwa 3 Millionen Stück, Schweine um 5,3 Millionen Stück im gleichen Zeitraum. Roggen wurden 1909 11,3 Millionen Tonnen gegen 6,6 Millionen Tonnen im Jahre 1895, Weizen 3,75 Millionen Tonnen gegen 2,80 Millionen Tonnen, Gerste 3,5 Millionen Tonnen gegen 2,4 Millionen Tonnen, Hafer 9,1 Millionen Tonnen gegen 5,2 Millionen Tonnen, Kartoffeln 46,7 Millionen Tonnen gegen 31,7 Millionen Tonnen geerntet. Mit anderen Ländern verglichen, hat sich die Produktivität unserer Landwirtschaft während des letzten Jahrzehnts ganz außerordentlich entwickelt. Noch im Sommer des Jahres 1902 nicht lange vor der zweiten Beratung des Zolltarifgesetzes, mußte der Geschichtschreiber der deutschen Landwirtschaft Dr. Frhr. v. d. Goltz die einleitenden Betrachtungen seines Werkes mit der Feststellung schließen, daß „durch Vorgänge auf dem Gebiete der nationalen Volkswirtschaft und der Weltwirtschaft über die deutsche Landwirtschaft eine kritische Zeit hereingebrochen sei“. Heute weisen die berufenen Kenner der landwirtschaftlichen Verhältnisse mit Stolz hin auf die blühende Entwicklung, den wachsenden Wert der Produktion und die gestiegene und immer weiter steigerungsfähige Leistungsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft.

Die landwirtschaftliche Entwicklung hat sich aber nicht vollzogen auf Kosten der Entfaltung unserer Exportindustrie und unseres Handels. Die freihändlerischen Propheten, die bei den Debatten der Jahre 1901 und 1902 vorausgesagt hatten, die agrarpolitische Korrektur der Wirtschaftspolitik werde den „Handel einschränken“, haben unrecht behalten. Diejenigen, die geglaubt hatten, es würde mit der Waffe eines erhöhten Agrarzolles der Abschluß vorteilhafter und langfristiger Handelsverträge nicht gelingen, hatten die weltwirtschaftliche Stellung Deutschlands unterschätzt. Deutschland hatte mit seinem neuen Tarif in der Hand keineswegs den anderen Staaten zu wenig zu bieten, es hatte 1891 zu viel geboten. Bei Einleitung der Caprivi-Marschallschen Zoll- und Handelsvertragspolitik

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 113. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/129&oldid=- (Version vom 31.7.2018)