Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/133

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.




IV. Ostmarkenpolitik.

Staatsbereich und nationaler Besitzstand.

Es ist zu unterscheiden zwischen dem staatlichen Herrschbereich eines Volkes und seinem nationalen Besitzstand. Beide fallen selten vollständig zusammen. Der Versuch, sie einander anzupassen, sei es durch Erringung staatlicher Herrschaft über den Raum nationaler Verbreitung, sei es durch Ausbreitung nationaler Kultur über das Gebiet staatlicher Macht, beherrscht eine große Summe der Verwicklungen in der neueren Geschichte. Er hat seine modernste Ausdrucksform gewonnen in derjenigen Form der Kolonialpolitik, die mit einem nicht ganz zutreffenden und bisweilen falsch angewandten Schlagwort Imperialismus genannt wird. Waffentüchtige, wirtschaftlich geschickte Völker von überlegener Kultur werden im allgemeinen mit dem Arm ihrer staatlichen Macht weiter reichen als mit der Herrschaft ihrer nationalen Kultur und ihre Arbeit daran setzen, der machtpolitischen Eroberung die nationale folgen zu lassen. Schwache und untüchtige Völker müssen es ansehen, daß fremde Nationalität in ihren Staatsgrenzen an Verbreitung und Geltung gewinnt. Ein drittes gibt es nicht. Im Nationalitätenkampf ist eine Nation Hammer oder Amboß, Siegerin oder Besiegte. Wäre es auf unserer Erde einzurichten, daß die Nationalitäten sich durch Grenzpfähle und Grenzsteine so fein säuberlich von einander trennen ließen wie die Staaten, so wäre der Weltgeschichte, wäre der Politik, deren Aufgabe es ja ist, Weltgeschichte zu machen, ihr schwerstes Problem genommen. Aber die Staatsgrenzen scheiden nun einmal nicht die Nationen voneinander. Wäre es weiterhin möglich, daß die Angehörigen verschiedener Nationalitäten, mit verschiedenen Sprachen, Sitten und verschiedenartigem Geistesleben Seite an Seite in einem und demselben Staate lebten, ohne der Versuchung zu erliegen, einander die eigene Nationalität aufzudrängen, so sähe es ein gut Teil friedlicher aus auf Erden. Aber es ist nun einmal Gesetz im geschichtlichen Leben und Werden, daß, wo verschiedene nationale Kulturen einander berühren, sie um den Vorrang kämpfen. Daß, wo zwei verschiedene Nationalitäten an denselben Raum gebunden sind, es schwer ist, beide zufrieden zu stellen, daß es unter solchen Voraussetzungen leicht zu Friktionen kommt; und wie es geschehen kann, daß Maßnahmen, die von der einen Seite in gutem Glauben getroffen werden, auf der anderen Seite Erregung und Widerstand hervorrufen, das zeigt sich vielleicht nirgends so deutlich wie in demjenigen Teil des alten Polens, wo nach der Teilung den polnischen Wünschen am weitesten entgegengekommen wurde. Ist es den Polen gelungen, in Galizien die Ruthenen zufrieden zu stellen? Führen nicht die Ruthenen an den Karpathen und am Pruth die gleichen wenn nicht heftigere Klagen als die Polen an der Warthe und Weichsel? Auch andere Länder hallen wider von Nationalitätenkämpfen und den Anklagen der Nationalisten gegeneinander. Die Nationen sind nun einmal von dem höheren Wert und deshalb dem besseren Recht

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 117. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/133&oldid=- (Version vom 31.7.2018)