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der Welfen, die uns Holstein und Mecklenburg gewannen und der brandenburgischen Askanier zu gedenken als der Siege in Italien und Palästina. Das folgenreichste nationale Mißgeschick war nicht der traurige Untergang der Hohenstaufen durch die Ränke päpstlicher und französischer Politik, sondern der Tag von Tannenberg, der den Verlust eines großen Teiles jahrhundertelanger deutscher Kolonisationsarbeit, den nationalen Verlust Westpreußens und Danzigs an Polen zur Folge hatte und der stolzen Selbständigkeit des deutschen Ordensstaates ein Ziel setzte. Es war die weise Staatskunst der hohenzollerischen Kurfürsten, die es verhinderte, daß uns Deutschen der nationale Besitz im äußersten Osten vollends entglitt und die hier auf östlichen deutschen Vorposten frühe schon das allgemeine deutsch-nationale Interesse dem Staatsinteresse Brandenburg-Preußens vermählte. Es kann eine Frage sein, ob ohne den schwarzen Tag von Tannenberg der Ordensstaat imstande geblieben wäre, den Osten gegen die polnische Übermacht auf die Dauer deutsch zu erhalten. Es ist keine Frage, daß wir Ost- und Westpreußen für alle Zeiten verloren hätten wie zuvor die westlichen und südlichen Gebiete, wenn Deutschland nicht im Hause Hohenzollern ein ebenso unverdrossener und umsichtiger wie tapferer und entschlossener Hüter der deutschen Marken erstanden wäre. Das Recht auf Ostpreußen, das durch eine kluge Familienpolitik geschaffen war, hat der Große Kurfürst mit dem Schwert behauptet, als er in der Warschauer Schlacht siegreich den roten Adler von Brandenburg gegen den weißen Adler des Königs von Polen führte und die Fesseln polnischer Lehensherrschaft zerbrach. Klug nannte der erste König sich König in Preußen und sprach damit für seine Nachfolger die Erwartung aus, König von Preußen durch den einstigen Besitz Westpreußens zu werden. Und diese Erwartung erfüllte sich, als der große König in der ersten Teilung Polens Westpreußen erhielt, als den Siegespreis des Siebenjährigen Krieges, wie Friedrichs des Großen Biograph, Reinhold Koser, treffend sagt. Nur dem Sieger von Roßbach, Leuthen und Zorndorf gewährte die Zarin Katharina einen Anteil an polnischem Lande, das aufgehört hatte, ein staatliches Existenzrecht zu haben, seitdem die staatlichen Zustände der Adelsrepublik anarchische geworden waren.

Nicht als neuerworbenes, fremdes, sondern als zurückgewonnenes deutsches Land ward Westpreußen angesehen. Und mit Recht. Denn deutsch war dies Land unter der Ordensherrschaft politisch gewesen, und deutsch war es geworden durch die Arbeit deutscher Siedler in Stadt und Land. Preußen brachte aber nicht nur dem westpreußischen Deutschen eine deutsche Herrschaft wieder und das schöne Recht, als Deutscher Bürger eines deutschen Staates zu sein, es brachte seinen neuen polnischen Untertanen Freiheit und Recht. Als das einzige Land, wo die Masse des Volkes aller Rechte der Menschheit entbehrte, hatte König Stanislaus Leszczinski klagend sein Land bezeichnet. Das milde und strenge, freie und gebundene, gerechte Regiment des großen Preußenkönigs brachte der polnischen Bevölkerung, was sie bis dahin entbehrt hatte. „Das sicherste Mittel, diesen geknechteten Leuten bessere Begriffe und Sitten beizubringen, wird immer sein, solche mit der Zeit mit deutschen zu vermischen, und wenn es nur anfänglich mit zwei oder drei in jedem Dorf geschehen kann“, schrieb Friedrich der Große noch vor dem Teilungsjahr 1772. Noch ehe ein Fuß breit polnischen Landes in preußischen Besitz

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 121. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/137&oldid=- (Version vom 31.7.2018)