Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/141

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Der Versuch, die Polen durch Sonderrechte dem preußischen Staat zu gewinnen, wurde wiederholt in dem Jahrzehnt nach der im Jahre 1840 erfolgten Versetzung Flottwells von Posen nach Magdeburg und fand seine Krönung durch die gescheiterte sogenannte „nationale Reorganisation“ Posens. Man gedachte in der Weise zu „reorganisieren“, daß man den östlichen, mehr polnischen Teil der Provinz Posen von dem westlichen, mehr deutschen schied und ihn völliger Polonisierung anheimgab. Die Polen verlangten vollendete Autonomie in der ganzen Provinz, ähnlich derjenigen, die Ungarn heut in der Habsburgischen Monarchie besitzt. Die Deutschen der Provinz gerieten in leidenschaftliche Erregung über den drohenden Verlust ihrer Nationalität. Das Ergebnis des unseligen Versuchs war eine bis dahin noch unbekannte Erbitterung der beiden Nationalitäten im Osten gegeneinander.

Nach jahrzehntelanger, in den sechziger und siebziger Jahren durch die mühevolle Gründung und Konsolidierung des Reiches verursachter Gleichgültigkeit gegenüber dem Nationalitätenkampf im Osten, setzte Bismarck im Jahre 1886 mit seiner groß angelegten nationalen Ostmarkenpolitik ein, nachdem er 1872 die staatliche Schulaufsicht für Posen und 1873 die deutsche Sprache als Unterrichtssprache eingeführt hatte. Die Ära Flottwell hatte nur erst eine nationale Korrektur der Ostmarkenpolitik sein können. Mit Bismarck setzte der bewußte Kampf um das Deutschtum in den Ostmarken ein. Bis dahin war man aus der Defensive nicht herausgekommen. Unter Bismarck begann die nationale Offensive des preußischen Staats, um das Deutschtum im Osten zu retten, zu erhalten und, wenn möglich, zu stärken. Es ist selbstverständlich, daß die Polen in leidenschaftliche Bewegung gerieten, daß sie sich zur Wehr setzten und mit ihren mustergültigen Organisationen, nicht selten unterstützt vom polnischen Klerus, den Kampf aufnahmen. Der Nationalitätengegensatz gewann an Schärfe. Die Ostmarkenpolitik zog ihre Kreise über die gesamte Parteipolitik, da das Zentrum den polnischen Glaubensgenossen zur Seite trat und der Freisinn glaubte, es seinem Programm schuldig zu sein, in den nationalen Maßnahmen der preußischen Ostmarkenpolitik nichts als Ausnahmemaßregeln zu sehen, die mit den doktrinären Freiheitsbegriffen in Widerspruch stehen. Es ist richtig, daß durch die nationale Ostmarkenpolitik unser innerpolitisches Leben nicht bequemer geworden ist, daß wir ein neues Moment des Kampfes und der Unruhe hinzuerhielten, daß die großpolnische Propaganda unter den Polen Preußens allgemeiner und heftiger geworden ist. Die Gegner der preußischen Ostmarkenpolitik, die deutschen wie die polnischen, argumentieren oft und gern mit dem Hinweis auf die Beunruhigung, die erweckt worden ist durch die von Bismarck selbst und später in seinem Geist geführte nationale Ostmarkenpolitik. Eine solche Argumentierung trifft nur die allgemeinpolitische Schale, nicht den nationalen Kern der Polenfrage. Sie besagt nichts anderes als jenen ebenso bequemen wie billigen Gemeinplatz, daß in der äußeren wie in der inneren Politik stets Ruhe und Frieden zu haben sind, wenn niemals ein Ziel erstrebt wird, das nur unter Kämpfen und Schwierigkeiten zu erreichen ist. Solche Ruhe ist stets in der Politik ziemlich mühelos erreichbar.

Die Frage der Ostmarkenpolitik ist die: Sollen wir zugeben, sollen wir durch Untätigkeit dazu beitragen, daß die Ostlande, d. h. Posen, Westpreußen und gewisse Teile von

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 125. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/141&oldid=- (Version vom 31.7.2018)