Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/210

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Weise nicht in Abrede gestellt werden. Die bisher im allgemeinen mit ihnen gemachten Erfahrungen, selbst in den verhältnismäßig wenigen, durch bestehende gesetzliche Sondervorschriften erklärlichen Fällen, wo ihr Einfluß bereits mehr oder minder ausschlaggebend geworden ist, lassen jedenfalls die gelegentlich wohl zu hörende trübe Befürchtung allmählichen „völligen Scheiterns der Selbstverwaltung“ an solcher Mitwirkung als nicht berechtigt erscheinen. Ihr Gedanke des Zusammenwirkens vieler, wenn auch noch so verschieden Gerichteter, an den unmittelbaren, täglich notwendigen Dingen des gemeinsamen Lebens ist ein viel zu gesunder, als daß man nicht mit dem Freiherrn vom Stein aus der Benutzung auch der „falsch geleiteten Kräfte“ das Erwachen rechten Gemeingeistes und Bürgersinnes und damit Nutzen und Förderung für die Gesamtheit erwarten dürfte.

Wachsen der Aufgaben der Selbstverwaltung und Interessengegensätze.

Andere, vielleicht schwierigere organisatorische Fragen haben sich für die Selbstverwaltung aus dem stetigen Wachsen ihrer Aufgaben, sowie vor allem aus der immer häufiger werdenden Erstreckung der tatsächlichen Einwirkung eines Selbstverwaltungskörpers auf das Verwaltungsgebiet eines benachbarten anderen ergeben.

Unter dem Einfluß der großen Errungenschaften auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und Technik, der vermehrten Erkenntnis sozialer Mißstände, der ihr Rechnung tragenden Reichs- und Landesgesetzgebung, nicht zuletzt auch der bei steigendem Wohlstande fortgesetzt steigenden Ansprüche aller Bevölkerungsschichten, haben die letzten zweieinhalb Jahrzehnte eine Vermehrung wie auch Vertiefung der Selbstverwaltung mit sich gebracht, wie kaum je zuvor. Ja, es kann geradezu von einem wetteifernden Drängen der öffentlichen Meinung auf die Übernahme immer neuer, auch bisher mehr oder weniger nur privater Tätigkeit überladener Geschäftsgebiete durch die Selbstverwaltung gesprochen werden.

Armen-, Kranken- und Wohlfahrtspflege.

Ein kurzes Eingehen auf die Wandelungen, die einige der wichtigsten der Verwaltungszweige unter solchen Einflüssen erfahren haben, wird den Gang wie die Folgen solcher Entwickelung am besten zu erläutern vermögen. Wenn sich zum Beispiel die Armen- und Krankenpflege früher im wesentlichen auf die möglichste Beseitigung der Tatsache der Armut und Krankheit richtete, so hat sie sich mit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts daneben auch vor allem vorbeugende Maßregeln aller Art zur tunlichsten Verhütung wirtschaftlicher und körperlicher Not zum Ziele gesetzt. Dazu galt es einerseits, überall möglichst persönliche Fühlung mit den Hilfsbedürftigen, sei es durch ehrenamtliche Armen- und Waisen-Pfleger und -Pflegerinnen, sei es durch Fühlungnahme mit weltlichen, oder religiösen Wohltätigkeitsorganisationen, zu gewinnen. Andererseits wuchsen so dem Gebiete der Armenpflege weite neue Gebiete der Wohlfahrtspflege hinzu. Krippen und Säuglingsheime, Kinderasyle und Kinderhorte, Jugendschutz und Fürsorgeerziehung, Erholungsheime für Kinder wie für Erwachsene, Tuberkulose- und Trinkerheilstätten

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 194. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/210&oldid=- (Version vom 31.7.2018)