Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/357

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solch riesiges Staatswesen eben wegen seines Umfangs und der Vielgestaltigkeit der in demselben vereinigten Völker und Rassen gar nicht regiert und verwaltet werden könnte[1].

Ebenso undurchführbar ist aber auch der Plan einer Weltföderation, der sich bei allen Pazifisten mehr oder minder klar ausgesprochen findet[2], wobei es gleichgültig ist, ob man sich diese Föderation als Bundesstaat oder als Staatenbund denkt. Daß eine derartige Föderation ebensowenig regiert und verwaltet werden könnte, wie ein einheitliches Weltreich, ist klar[3]. Es würden sich aber auch schon der Bildung dieser Föderation unübersteigliche Hindernisse in den Weg stellen.

Wenn für die Durchführbarkeit der Bildung einer Weltföderation darauf hingewiesen wird, daß, wie aus den ehemaligen englischen Kolonien in Nordamerika, aus den Kantonen der Schweiz und den zeitweilig wenigstens vollständig selbständigen deutschen Staaten Bundesstaaten geworden sind, es auch möglich sein müsse, zunächst die europäischen Staaten, später aber auch die übrigen Mitglieder der völkerrechtlichen Gemeinschaft zu einer Weltföderation zu vereinigen, so sind dabei wesentliche Momente übersehen.

Die Bildung eines Staatenbundes wie eines Bundesstaats setzt voraus, daß die betreffenden Staaten durch nationale Zusammengehörigkeit, geographische Lage, gemeinsame politische und wirtschaftliche Interessen aufeinander angewiesen sind, so daß das Bundesverhältnis nur die rechtliche Form für die tatsächlich bereits vorhandene Gemeinschaft bildet. Wo nicht ausschließlich oder doch vorwiegend nationale Gründe für die Bildung eines Bundesstaates maßgebend waren, werden, wie bei der schweizerischen Eidgenossenschaft, die betreffenden Staaten durch jahrhundertlange geschichtliche Entwicklung, geographische Lage und besondere politische Verhältnisse zusammengehalten.

Alle diese Voraussetzungen würden bei einer Weltföderation fehlen, es ist daher gar nicht denkbar, daß die verschiedenen Rassen und Völker, die zur völkerrechtlichen Gemeinschaft gehören, in einer solchen Organisation zusammengefaßt werden könnten. Ist doch auch das römische Weltreich, obwohl es nur einen kleinen Teil der damals bekannten Welt umfaßte, wieder auseinandergefallen, weil das Selbständigkeitsgefühl der in demselben äußerlich verbundenen Nationen der Zusammenfassung widerstrebte.

Ebenso konnte die im Mittelalter zur Geltung gelangte Idee, daß die christlichen Staaten von Europa eine Universalmonarchie mit Kaiser und Papst an der Spitze bilden, niemals vollständig verwirklicht werden und ist schließlich ganz verschwunden. In der zweiten Hälfte des Mittelalters haben sich vielmehr die verschiedenen europäischen Nationen entwickelt und haben voneinander unabhängige Staaten gebildet, die eine Unterordnung


  1. Vgl. über die Idee eines Weltstaats: Bluntschli, Die Lehre vom modernen Staat, 6. Aufl., S. 26ff. – Bluntschli hat übrigens selber (später 1878) einen europäischen Staatenbund vorgeschlagen. Vgl. Schücking, Die Organisation der Welt, Festgabe für Laband, I. Bd., S. 896.
  2. Vgl. darüber namentlich die in der vorigen Note angefühlte Schrift von Schücking, Die Organisation der Welt, S. 590ff.
  3. Bezeichnend ist, daß sich bei keinem Vertreter des Förderationsgedankens irgendein brauchbarer Vorschlag über die Organisation der Weltförderation findet.
Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 341. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/357&oldid=- (Version vom 31.7.2018)