Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/358

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unter den Kaiser überhaupt nicht, unter den Papst aber jedenfalls nicht in weltlichen Dingen anerkannten. Die Folge dieser Entwicklung war, daß die Idee einer christlichen Universalmonarchie verschwand und der Gedanke einer aus den sämtlichen christlichen, einer höheren Gewalt nicht untergebenen, daher souveränen und sich grundsätzlich gleichstehenden Staaten bestehenden völkerrechtlichen Gemeinschaft entstand.

Die Überzeugung, daß der Plan, alle zur völkerrechtlichen Gemeinschaft gehörigen Staaten in eine Weltföderation zu vereinigen, eine auf absehbare Zeit undurchführbare Utopie ist, hat manche Anhänger der Föderationsidee auf den Gedanken gebracht, die Föderation zunächst wenigstens auf die europäischen Staaten zu beschränken[1]. Aber auch dieser Gedanke hat bei den scharfen Gegensätzen, die unter den europäischen Staaten, namentlich den Großmächten, bestehen, keine Aussicht auf Verwirklichung. Sollte es aber wirklich gelingen, eine solche Föderation zu bilden, so wäre damit wenig gewonnen, da dann die „Vereinigten Staaten von Europa“ mit ihren besonderen Interessen der übrigen Welt gegenüberstehen würden und die Gefahr, daß dieser Interessengegensatz zu kriegerischen Konflikten führen könnte, mindestens ebenso groß wäre wie jetzt, denn darüber sollte man sich nicht täuschen, daß einerseits zwischen Europa und Amerika und andererseits zwischen den Völkern der weißen Rasse und den Mongolen tiefgehende Gegensätze bestehen, die auch dadurch nicht zu beseitigen sind, daß man versucht, eine alle Weltteile umfassende Föderation zu schaffen.

Wer glaubt, daß trotz dieser Gegensätze eine Weltföderation möglich ist, dem fehlt jeder Blick für die tatsächlichen Verhältnisse und fehlt namentlich das Verständnis für die tieferen Gründe der Gegensätze zwischen den einzelnen Völkern, Rassen und auch Weltteilen.

Gegensätze in der völkerrechtlichen Gemeinschaft.

Trotz der so oft betonten „Flutwelle des Internationalismus“ beruhen die gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen Staaten und Völker keineswegs auf den Gefühlen der Brüderlichkeit, sondern der nackten Selbstsucht und des Strebens nach Herrschaft.

In Europa strebt England nach der Seeherrschaft aus wirtschaftlichen und politischen Gründen, Frankreich will sich mit Deutschland nicht aussöhnen, weil ihm im Kriege von 1870/71 die beanspruchte Vorherrschaft in Europa entrissen wurde, ebenso sind die Slawen erbitterte Gegner der Germanen, weil seit Jahrhunderten zwischen diesen Völkern um die Herrschaft in Mittel- und Osteuropa gekämpft wird.

Was sodann das Verhältnis zwischen Amerika und Europa anlangt, so waren die Vereinigten Staaten schon vor fast einem Jahrhundert bestrebt, durch die Monroedoktrin den Einfluß europäischer Staaten auf Amerika möglichst auszuschalten, während die panamerikanische Bewegung dahin zielt, sämtliche amerikanische Staaten politisch


  1. J. Novikow, Die Förderation Europas, 1901. – Fried, Handbuch der Friedensbewegung, S. 7ff. – Übrigens scheint jetzt auch dieser Plan mehr und mehr aufgegeben zu sein und die Pazifisten sich mit einer losen vertragsmäßigen Verbindung der Mitglieder der völkerrechtlichen Gemeinschaft begnügen zu wollen. Vgl. Fried, Kurzgefaßte Geschichte der panamerikanischen Bewegung, 1912. – Damit wäre nicht viel mehr erreicht, als was in der völkerrechtlichen Gemeinschaft im wesentlichen schon besteht.
Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 342. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/358&oldid=- (Version vom 31.7.2018)