Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/393

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des taktischen Willens in dieser Auflösung gewahrt werden. Das sucht man durch eine streng durchgeführte Disziplin der Schützenlinien und dadurch zu erzielen, daß nicht nur die niederen Chargen, sondern auch die Mannschaften zu selbständigem Handeln im Sinne des Gefechtsgedankens und zum Verständnis der Gefechtsaufgaben erzogen werden. Jede moderne Taktik, die Erfolg versprechen soll, muß eine individualistische sein. Das geistig höherstehende Volk wird demnach stets eine gewisse Überlegenheit gewinnen, und die Erziehung in der Schule bildet somit die Grundlage der späteren militärischen Ausbildung. Das sollte bei uns noch in höherem Maße berücksichtigt werden, als es heute geschieht.

Den Sieg erwartet unser Reglement im Angriff wie in der Verteidigung von der Erkämpfung der Feuerüberlegenheit. Hier scheint mir eine gewisse Gefahr unserer Bestimmungen zu liegen, denn die Geschichte lehrt, daß Angriffssiege im allgemeinen trotz der Feuerüberlegenheit des Verteidigers erfochten worden sind. Bei der Gleichheit der Waffen ist es ja auch ganz natürlich, daß der gedeckt liegende und in Ruhe schießende Verteidiger bessere Schießresultate erzielen muß als der bewegliche ungedeckte Angreifer. Angriffssiege werden errungen teils durch numerische Überlegenheit, teils und vornehmlich aber durch moralisches Übergewicht und entschlossenen Willen zum Siege trotz aller Verluste. Fordert man aber von der Angriffsinfanterie die Erkämpfung der Feuerüberlegenheit, so kann dadurch die Energie des Angriffs gebrochen werden.

Am so richtiger ist es, daß unsere Bestimmungen das größte Gewicht auf ein Zusammenwirken der Artillerie mit der Infanterie legen.

Auch in dieser Waffe hat eine reiche taktische Entwickelung stattgefunden. Die neueingeführten Geschütze, Treibmittel, Geschosse und Richtmittel zwangen wiederholt zum Erlassen neuer Reglements und Schießvorschriften. Ferner war man bestrebt, die taktischen Formen nach Möglichkeit zu vereinfachen, das Schießverfahren zu verbessern und die Zusammensetzung der Batterien möglichst zweckmäßig und gefechtsmäßig zu gestalten. Wichtig war in dieser Hinsicht besonders der Wegfall der zweiten Staffeln bei den Batterien und die Einführung leichter Munitionskolonnen, die der Truppe unmittelbar angegliedert wurden. Auch sind neuerdings die reitenden Batterien zu 4 Geschützen formiert worden. Besonderer Wert wurde in steigendem Maße auf die Ausnutzung des Schrapnellschusses und auf das indirekte Feuer gelegt; taktisch auf das Zusammenwirken mit der Infanterie. Das Artillerieduell als Selbstzweck trat mehr und mehr in den Hintergrund; Hauptaufgabe wurde die Bekämpfung der feindlichen Infanterie, wodurch der eigenen Infanterie das Vorgehen nach Möglichkeit erleichtert werden soll. Alle dementsprechenden Verbesserungen und Änderungen kommen allmählich in den Reglements von 1889, 1892, 1899 und 1907, welch letzteres 1911 infolge mehrfacher Neueinführungen verbessert wurde, sowie in verschiedenen Schießvorschriften zum Ausdruck. Solche wurden 1890, 1899 und 1907 erlassen; letztere wurde 1911 teilweise neu bearbeitet.

Die Fußartillerie hat eine analoge taktische Entwickelung durchgemacht, und 1908 das heute noch gültige Reglement erhalten. Als schwere Artillerie des Feldheeres

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 377. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/393&oldid=- (Version vom 31.7.2018)