Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/394

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ist es ihre wesentlichste Aufgabe geworden, im Verein mit der Feldartillerie die feindliche Artillerie niederzukämpfen und den Einbruch der Infanterie in die feindliche Stellung vorzubereiten. Die Beweglichkeit, die sie allmählich erlangt hat, befähigt sie, dieser Aufgabe gerecht zu werden.

Auch die Ausbildung der Artillerie hat erhebliche Fortschritte gemacht. Der erste Schritt hierzu war die Trennung der Schießschule in eine Feld- und Fußartillerieschießschule und deren allmähliche Erweiterung. Hier werden jetzt alle jungen und alle zu Batterieführern geeigneten Offiziere ausgebildet; ferner sind Lehrkurse für Offiziere des Beurlaubtenstandes eingerichtet. Auch der vielfache Wechsel der Schießplätze fördert die Ausbildung, und endlich finden seit 1895 bei der Feldartillerie Geländeübungen statt als Einleitung für die Manöver.

Am schwersten ist es der Kavallerie geworden, sich von den alten ruhmreichen Traditionen loszureißen und den Anforderungen des modernen Gefechts anzupassen. Die Attacke ist nicht mehr ihre Hauptaufgabe; der Schwerpunkt liegt heute auf der operativen Beweglichkeit; im Gefecht aber ist der Kampf zu Fuß völlig gleichberechtigt mit dem eigentlichen Reiterkampf. Das liegt an der Entwicklung des heutigen Waffenwesens. Ob die für den Kriegsfall vorgesehenen Kavalleriedivisionen zu 24 Eskadrons und in ihrem Rahmen die Brigaden stark genug sind, steht dahin. Dagegen ist ihre Leistungsfähigkeit durch Zuteilung von Pionieren, reitender Artillerie und Maschinengewehren, sowie durch die Ausrüstung mit dem vorzüglichen Karabiner 1898 wesentlich erhöht. Lange hat die Waffe unter der Dreitreffentaktik, dem mißglückten Versuch, die mißverstandene friederizianische Taktik modernen Verhältnissen anzupassen, gelitten und sich taktisch in einem toten Formalismus bewegt. Das Reglement von 1895 brachte zwar verschiedene zweckmäßige Vereinfachungen aber keine grundsätzliche taktische Änderung. Auch das Gefecht zu Fuß wurde noch nicht genügend betont, obgleich eine Reihe von Schießvorschriften den Schießdienst wesentlich hob. Erst im Jahre 1909 gelang es, die Treffentaktik für den Reiterkampf zu beseitigen, durch flügelweise Verwendung der Kommandoeinheiten zu ersetzen und ein modernes Reglement zu schaffen, dem freilich noch mancherlei Schwächen anhaften. Auch die Ausbildung der Kavallerie leidet unter dem Umstande, daß größere Übungen selbständiger Kavalleriekörper nicht jährlich für die ganze Reiterei stattfinden, während doch im Kriege gerade diese Tätigkeit fast ausschließlich gefordert wird. Bei dem strebenden Geiste, der die Waffe beseelt, ist sie heute bemüht, den Formalismus noch weiter abzustreifen und das operative Element in der Führung vorwalten zu lassen, ohne Rücksicht auf Tradition und persönliche Neigung. Material und Ausrüstung sind vorzüglich, und die Reitausbildung steht auf hoher Stufe. Sie wird auf dem Militärreitinstitut in Hannover und der Reitschule in Paderborn mit Erfolg gepflegt. Eine weitere Reitschule in Soltau soll 1913 gebildet werden. Die neue Reitinstruktion von 1912 entspricht den weitestgehenden Anforderungen.

Felddienstordnung.

Auch bei den anderen Hilfswaffen hat eine nach modernen Gesichtspunkten geleitete Entwicklung stattgefunden.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 378. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/394&oldid=- (Version vom 31.7.2018)