Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/395

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Überall sind die Gefechtsvorschriften in die Reglements aufgenommen worden; die Bestimmungen aber, die für das sonstige Verhalten im Felde nötig sind, für Marsch, Ruhe, Vorposten, Aufklärung, Verschleierung, Verhalten vor und in Festungen und anderes mehr sind in der „Felddienstordnung“ zusammengestellt.

Die 1887 in diesem Sinne herausgegebenen Vorschriften mußten mit der allmählichen Entwicklung des Heeres und den zahlreichen Neueinführungen, besonders bei der Artillerie, den Verkehrstruppen, im Luftschifferwesen und im Pionierdienst wiederholt geändert und erweitert werden, bis endlich im Frühjahr 1908 die zurzeit gültige Felddienstordnung erschien. Diese hat durch Vereinfachung der Vorschriften und Beseitigen alles Schematischen der Persönlichkeit erweiterten Spielraum verschafft und besonders für Vorposten, Aufklärung, Verschleierung, Marschanordnung, Bagagen, Munitionskolonnen und Trains durchaus zweckmäßige und einfache Bestimmungen getroffen. In einem besonderen Abschnitt sind die Vorschriften für die Manöver enthalten, in denen die gesamte Ausbildung gipfelt. Sie erstreben ein möglichst kriegsgemäßes Verhalten aller Teile, und sehen neben Brigade-, Divisions-, Korps- und Kaisermanövern besondere Übungen im Festungskriege, Pionier- und Nachrichtendienst usw. sowie für die Kavallerie vor. In ihnen wird vor allem der offensive Geist gefördert und groß gezogen. Neuerdings liegt der Hauptwert auf den Übungen großer Truppenmassen.

Strategische Heerführung.

Haben auf dem Gebiete der Taktik und der Ausrüstung zahlreiche tiefgreifende Veränderungen des Kriegswesens stattgefunden, so mußten das gewaltige numerische Anwachsen der Heere und die vielen neuen Hilfsmittel der Kriegführung auch die strategische Heerführung beeinflussen.

Noch Moltke rechnete damit, daß das Heer sich im wesentlichen aus dem Mitteln des Kriegsschauplatzes ernähren könne, und scheute sich daher nicht, mehrere Armeekorps auf eine Straße zu setzen, um vielseitige Entwickelungsmöglichkeiten zu schaffen und starke Massen auf engen Räumen verwenden zu können. Als er 1888 aus dem Amte schied, trat Graf Waldersee an seine Stelle, ein genialer Soldat, der im Vollgefühl seines eigenen Könnens sich auf eine wissenschaftliche Systematisierung der Strategie nicht einließ, aber das Urteil seiner Untergebenen durch stets wechselnde Aufgaben und Verfahrungsweisen zu bilden und überall das Zweckmäßige zu betonen suchte, das in jeder Lage verschieden sein könne. Erst dem Grafen Schlieffen, der ihn 1891 in seiner hohen Stellung ablöste, war es beschieden ein gewisses strategisches System für die modernen Massenheere zu entwickeln; er hat das unstreitbare Verdienst, in den verschiedensten Richtungen klärend gewirkt zu haben.

Von dem Gedanken ausgehend, daß alle auf einer Straße marschierenden Truppen an einem Tage zum Gefecht müßten aufmarschieren und täglich von rückwärts verpflegt werden können, stellte er bei der großen Marschtiefe moderner Armeekorps als Grundsatz auf, daß man auf jede Marschstraße nur ein Korps setzen dürfe. Zugleich aber war er darauf bedacht, den Willen, den Feind in der Schlacht zu vernichten, zum

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 379. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/395&oldid=- (Version vom 31.7.2018)