Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/425

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.


Der Abschluß.

Der Ausbau der Flotte eine politische Tat.

Bismarck schrieb über die preußischen Verhältnisse an den General v. Gerlach im Jahre 1857: „Wir sind die gutmütigsten und ungefährlichsten Politiker, und doch traut uns eigentlich doch niemand; wir gelten wie unsichere Genossen und ungefährliche Feinde. Ich spreche nicht von der Gegenwart; aber können Sie mir einen positiven Plan (abwehrende genug) oder eine Absicht nennen, die wir in auswärtiger Politik gehabt haben? Doch, den Jahdebusen; der bleibt aber ein totes Wasserloch.“

Wollen wir im Sinne dieser Bismarckschen Worte das Ergebnis der 25jährigen Regierungszeit unseres Kaisers ziehen, so können wir sagen: Der vollendete Aufbau unserer Flotte, der nahe bevorsteht, wird der Siegespreis der politischen Tätigkeit dieser Jahre sein. Der Jahdebusen ist kein totes Wasserloch mehr, unsere Stellung in der Nordsee vermag uns kein Staat mehr zu nehmen ohne einen Kampf auf Leben und Tod, und die Nordsee ist unsere Pforte zum Weltmeer.

Doch nicht nur den überseeischen Beziehungen dient unsere Flotte, sondern auch der europäischen Politik. Wir können sie unseren kontinentalen Nachbarn gegenüber nicht entbehren, und schauen wir auf Englands Geschichte, so sehen wir, daß in dem Mittelpunkt seiner die Welt umfassenden Bestrebungen doch immer sein Einfluß in Europa gestanden hat. Auch dessen Träger war seine Flotte, und ihr Einfluß auf die europäische Politik hat sich erhöht, seit Europa abhängiger geworden ist von der See. Der Ausspruch, den Napoleon III. 1857 Bismarck gegenüber tat, Preußen bedürfe einer stärkeren Flotte, um im Verein mit anderen das erdrückende Übergewicht Englands aufzuheben, galt der europäischen Politik und gilt für sie – mutatis mutandis – heute noch.

In der Gemeinschaft der Seestaaten, an deren Spitze unbestritten und unerreicht England steht, rangiert Deutschland heute an zweiter Stelle mit seiner Handelsflotte wie mit seiner Kriegsflotte. Es will England nicht bedrohen, aber es will frei neben ihm stehen; danach ist der Abstand bemessen, der seine Kriegsflotte von der englischen trennt.

Wenn unser Flottengesetz durchgeführt sein wird, sollen wir unter Anrechnung der Novellen von 1906 und 1912 haben:

a) Eine aktive Schlachtflotte (alle Schiffe dauernd in Dienst mit voller Besatzung) von 1 Flottenflaggschiff, 2 Geschwadern (zu 8 Linienschiffen), 8 großen und 18 kleinen Kreuzern.

b) Eine Reserveschlachtflotte (¼ der Schiffe in Dienst mit ⅓ des Maschinenpersonals und ¼ der übrigen Besatzung) von 2 Geschwadern (zu 8 Linienschiffen), 4 großen und 12 kleinen Kreuzern.

c) Außerdem in der Heimat 144 Torpedoboote, von denen 99 mit voller Besatzung verwendungsbereit und 72 Unterseeboote, von denen für 54 die volle Besatzung vorhanden ist.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 409. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/425&oldid=- (Version vom 31.7.2018)