Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/47

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herangezogen werden. Wie dem Deutschen Reich gerade dadurch eine Gewähr der Dauer gegeben ist, daß seine Verfassung bei aller Bindung in den großen nationalpolitischen Aufgaben den Einzelstaaten ihre Selbständigkeit in der eigentümlichen Erfüllung ihrer engeren Aufgaben läßt, so bindet auch der Dreibund die drei großen Mächte Mitteleuropas in den großen kontinentalpolitischen Zwecken, auf die der Bund begründet wurde, läßt ihnen aber Freiheit in der Verfolgung ihrer besonderen nationalen Interessen. Italien, Österreich und Deutschland ruhen mit den starken Wurzeln ihres Lebens in der europäischen Politik, und ihre Wurzeln sind vielfältig und fest ineinander verschlungen. Das Geäst der Bäume aber muß sich frei nach den verschiedenen Seiten ausbreiten können. Der Dreibundvertrag darf und will nicht die Heckenschere sein, die das freie Wachstum ohne zwingenden Grund hindert.

Es gibt Politiker, die der Zugehörigkeit Italiens zum Dreibunde einen rechten Wert nicht zusprechen wollen. Die Bedenken gründen sich auf den Zweifel daran, ob Italien in der Lage und willens sein würde, in allen vorkommenden Verwickelungen der internationalen Politik mit Österreich und uns Hand in Hand zu gehen. Selbst wenn diese Zweifel begründet wären, was bei der Loyalität der maßgebenden Faktoren in Italien und der politischen Klugheit des italienischen Volkes nicht der Fall ist, so würde damit gegen den Wert der Zugehörigkeit Italiens zum Dreibund noch nicht alles bewiesen sein. Auch wenn Italien nicht in allen Situationen bis zu den letzten Konsequenzen mit uns und Österreich und wir und Österreich nicht in allen Verwickelungen des weltpolitischen Getriebes mit Italien gehen könnten, so würde doch jede der drei Mächte durch den Bestand des Bündnisses verhindert sein, dem Gegner der anderen zur Seite zu treten. Das hatte Fürst Bismarck im Auge, wenn er einmal äußerte, es genüge ihm, daß ein italienischer Korporal mit der italienischen Fahne und einem Trommler neben sich die Front gegen Westen, d. h. gegen Frankreich, und nicht gegen Osten, d. h. gegen Österreich nehme. Alles weitere wird davon abhängen, wie eine eventuelle Konfliktsfrage in Europa gestellt, mit welchem Nachdruck sie militärisch von uns vertreten und mit welchem Erfolg sie militärisch und diplomatisch durchgeführt wird. Der letzte und volle Wert eines Bündnisses kann nur im Ernstfall erprobt werden. Im Frieden wird der Dreibund von so soliden, beinahe unzerstörbaren kontinentalpolitischen Interessen zusammengehalten, daß momentane und vorübergehende Situationen der vielgestaltigen internationalen Politik ihm nicht viel anhaben können. Die Probe als Friedensbürgschaft, die der Dreibund 30 Jahre hindurch bestanden hat, rechtfertigt diese Hoffnung.

Die Türkei.

Die bosnische Frage und das Tripolisunternehmen, die Österreich wie Italien in Gegensatz zu der uns befreundeten Türkei brachten, haben den Dreibund nicht schwächen können. Die Beziehungen zur Türkei und zum Islam haben wir namentlich seit der Orientreise unseres Kaiserpaares sehr sorgsam gepflegt. Diese Beziehungen waren nicht sentimentaler Natur, sondern wir hatten am Fortbestand der Türkei ein erhebliches wirtschaftliches, militärisches und auch politisches Interesse. Die Türkei war für uns in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 31. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/47&oldid=- (Version vom 31.7.2018)