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Delcassé die Entscheidung über Krieg und Frieden von der Konferenzfrage abhängig machen. Als die deutsche Regierung unerschütterlich blieb, willigte Frankreich in die Konferenz. Herr Delcassé legte das Portefeuille des Auswärtigen nieder. Er trat zurück, und wir setzten unseren Willen durch, weil wir fest blieben. In Algesiras hatten wir gegenüber den Ententemächten und bei dem geringen Interesse, das die anderen Mächte an der marokkanischen Frage nahmen, naturgemäß keine leichte Stellung. Trotzdem gelang es uns, unter Wahrung der Souveränität des Sultans, für die Organisation der Polizei und die Errichtung der marokkanischen Staatsbank eine internationale Regelung zu erreichen und den deutschen wie den wirtschaftlichen Interessen aller anderen Länder die offene Tür in Marokko zu sichern. Nicht alles Erwünschte, aber das Wesentliche war erreicht worden. Der Versuch, uns von einer großen internationalen Entscheidung auszuschließen, war durchkreuzt worden. An der künftigen Gestaltung der marokkanischen Angelegenheiten war uns ein entscheidendes Mitbestimmungsrecht gesichert, auf das wir ohne ausreichende Kompensationen nicht zu verzichten brauchten. Die Beschlüsse der Konferenz von Algesiras waren ein Riegel vor den Tunifikationsbestrebungen Frankreichs in Marokko. Sie waren auch eine Klingel, die wir jederzeit ziehen konnten, wenn Frankreich wieder solche Tendenzen an den Tag legte. In Frankreich wurde die neue Ordnung der Dinge alsbald nach der Algesiraskonferenz sehr peinlich empfunden. Die „unselige Algesiras-Akte“ wurde als eine „Frankreich aufgezwungene europäische Vormundschaft“, bestenfalls als eine „ehrenvolle Rückzugslinie“ bezeichnet. Man hat wohl gesagt, wir hätten nach dem Rücktritt Delcassés eine direkte Verständigung mit Frankreich über Marokko suchen sollen. Es mag dahingestellt bleiben, ob Frankreich überhaupt geneigt war, uns einen annehmbaren Preis zu zahlen. Jedenfalls durften wir schon mit Rücksicht auf unsere Stellung in der Türkei und zum Islam diesen Weg nicht einschlagen. Im November 1898 hatte Kaiser Wilhelm II. in Damaskus erklärt: „Mögen die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde verstreut leben, dessen versichert sein, daß zu allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund sein wird.“ In Tanger hatte sich der Kaiser mit Entschiedenheit für die Integrität Marokkos ausgesprochen. Wir hätten uns um jeden Kredit in der islamischen Welt gebracht, wenn wir so kurze Zeit nach diesen Kundgebungen Marokko an die Franzosen verkauft hätten. Unser Botschafter in Konstantinopel, Freiherr von Marschall, sagte mir damals: „Wenn wir Marokko trotz Damaskus und Tanger preisgeben, so verlieren wir mit einem Schlage unsere Stellung in der Türkei und mit ihr die Vorteile und Zukunftsaussichten, die wir uns durch jahrelange Arbeit mühsam erworben haben.“

Das deutsch-französische Sonderabkommen vom 9. Februar 1909, das unter hervorragender Mitwirkung des späteren Staatssekretärs v. Kiderlen-Wächter zustande kam, verminderte die Möglichkeit fortgesetzter Reibungen zwischen beiden Staaten, indem es Frankreich einen gewissen politischen Einfluß in Marokko sicherte, ohne ihm die Aneignung zu ermöglichen, hielt aber das Prinzip der offenen Tür fest und gewährleistete deutschem und französischem Handel und Gewerbe das gleiche Betätigungsrecht im unabhängigen und in seinem Gebietsumfange unverminderten marokkanischen Staat.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 41. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/57&oldid=- (Version vom 31.7.2018)