Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/64

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reichere Früchte versprach, je geduldiger wir warteten, bis für seine Realisierung der Augenblick gekommen war, der früher oder später kommen mußte, hatte sich der damalige Botschafter in London, Graf Paul Hatzfeld, besonders verdient gemacht, den Fürst Bismarck einst als das beste Pferd in seinem diplomatischen Stall zu bezeichnen pflegte. Das Bagdadbahnprojekt, das aus der im Herbst 1898, nur wenige Monate nach der Annahme der ersten Flottenvorlage unternommenen und in jeder Beziehung geglückten Kaiserreise nach Palästina hervorwuchs, eröffnete zwischen dem Mittelländischen Meer und dem Persischen Golf auf den alten Weltströmen Euphrat und Tigris und längs ihrer Ufer deutschem Einfluß und deutschem Unternehmungsgeist Gebiete, die an Fruchtbarkeit und großen Zukunftsmöglichkeiten kaum zu übertreffen sind. Wenn irgendwo kann in Mesopotamien von unbegrenzten Aussichten gesprochen werden. Das Deutsche Reich ist heute nicht nur seinen wirtschaftlichen Interessen, sondern auch seinen weltpolitischen Machtmitteln nach eine Weltmacht geworden, eine Weltmacht in dem Sinne, daß der Arm deutscher Macht in die entferntesten Gegenden der Welt zu langen vermag, und nirgends ein deutsches Interesse ungestraft verletzt werden kann. Der Kreis deutscher Macht ist tatsächlich durch den Bau unserer Flotte über die Welt ausgebreitet, zum Schutz der über die Welt verbreiteten deutschen Interessen. Als ein Instrument nationalen Schutzes, als eine Verstärkung nationaler Sicherheit haben wir unsere Flotte geschaffen und sie anders nie verwandt.

Die Aufgabe, der neuen deutschen Weltpolitik das machtpolitische Fundament zu gewinnen, darf heute im großen und ganzen als gelöst angesehen werden. Gewiß ist das Deutsche Reich nur ungern als Weltmacht von denjenigen Staaten begrüßt worden, die jahrhundertelang gewohnt waren, die Fragen der überseeischen Politik allein zu entscheiden. Unser weltpolitisches Recht wird aber heute in aller Herren Länder anerkannt, wo die deutsche Kriegsflagge sich zeigt. Dies Ziel mußten wir erreichen. Es war gleichbedeutend mit der Schaffung unserer Kriegsflotte und konnte nur erreicht werden unter gleichzeitiger Überwindung erheblicher Schwierigkeiten sowohl auf dem Gebiete der auswärtigen, der internationalen wie der inneren, der nationalen Politik.

Während des ersten Dezenniums nach Einbringung der Flottenvorlage von 1897 hatten wir eine Gefahrzone erster Ordnung in unserer auswärtigen Politik zu durchschreiten, denn wir sollten uns eine ausreichende Seemacht und eine wirksame Vertretung unserer Seeinteressen schaffen, ohne noch zur See genügende Verteidigungsstärke zu besitzen. Unbeschädigt und ohne Einbuße an Würde und Prestige ist Deutschland aus dieser kritischen Periode hervorgegangen. Im Herbste 1897 brachte die „Saturday Review“ jenen berühmten Artikel, der in der Erklärung gipfelte, daß, wenn Deutschland morgen aus der Welt vertilgt würde, es übermorgen keinen Engländer gäbe, der nicht um so reicher sein würde und der mit den Worten schloß: „Germaniam esse delendam.“ Zwölf Jahre später erklärten zwei große und nicht besonders deutschfreundliche englische Blätter, daß die Stellung Deutschlands eine größere und stärkere sei, als sie seit dem Rücktritt des Fürsten Bismarck je gewesen wäre. Seit 1897 hatte sich eine bedeutsame Entwicklung vollzogen, die den Mitlebenden nicht immer zum Bewußtsein gekommen ist, die aber die Nachwelt erkennen und würdigen wird. Während dieser Jahre haben wir

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 48. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/64&oldid=- (Version vom 31.7.2018)