Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 2.pdf/431

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Auffassung steht Tönnies jedoch bisher allein. Es ist ihm jedenfalls nicht gelungen, einen ernst zu nehmenden Beweis dafür zu führen.

Mehr als bloße Vermutung ist dagegen die Erklärung des Geburtenrückgangs aus der Zunahme der Geschlechtskrankheiten. Eine gewisse Zunahme wird durch die Statistik zumeist wahrscheinlich gemacht und der schädliche Einfluß der Geschlechtskrankheiten auf die Fruchtbarkeit steht außer Zweifel. Diese Zunahme der Geschlechtskrankheiten ist aber lange nicht groß genug, um sie, wie es neuerdings Theilhaber unter dem Schlagworte der sexuellen Not der Tugend getan hat, zu einer der Hauptursachen des Geburtenrückgangs zu stempeln, ganz abgesehen davon, daß sie den Rückgang der Geburtlichkeit auf dem Lande, wo eine Zunahme der Geschlechtskrankheiten sich nicht feststellen läßt, zu erklären außer stände ist.

Von einer lange hindurch gut akkreditierten Theorie wird der gestiegene Wohlstand als Ursache des Geburtenrückgangs ausgegeben, weil der Wohlstand dem Wirtschafter Erwägungen vermittle, denen zufolge eine geringere Kinderzahl vorteilhafter sei. Für diese Theorie hat noch kürzlich, in einer Abhandlung für die bayerische Akademie der Wissenschaften, Lujo Brentano, gleich seinem Schüler Mombert, eine Lanze gebrochen. Erfahrungen aus jüngerer Zeit–Beschränkung der Kinderzahl bei Lehrern und Arbeitern– widersprechen dieser Theorie. Dementsprechend ist von Julius Wolf schon 1901 nicht der Wohlstand, sondern die wachsende „Kultur“ und deutlicher und schärfer 1912 die „Rationalisierung“ unserer ganzen Lebensführung als der Schuldige bezeichnet worden. Danach ist es im wesentlichen der rechnerische Kalkül, die rein verstandesmäßige, der überkommenen Sitte nicht achtende Überlegung, wieviel Kinder dem Lebensgenuß am zuträglichsten sind, was den Rückgang der Geburtenzahl in unserer Zeit entscheidet und ihm den besonderen Charakter verleiht. Dieser rechnerische Kalkül, früher nur in den oberen Schichten üblich, dringt im Maße der „Aufklärung“, religiöser und intellektueller, in immer weitere Kreise, und da in den Schichten der Armut und des Mittelstandes die Kleinhaltung der Familie in der Tat eine nicht geringe Entlastung bedeutet, wird die Zahl der Kinder in der Ehe immer mehr beschränkt. Doppelt werden Kinder als ein Gewicht am Fuße der Eltern zu einer Zeit empfunden, in welcher die Frau eine steigende Rolle im Erwerbsleben spielt, da Schwangerschaft, Geburt und das Schonungsbedürfnis der Wöchnerin ebensoviele Erwerbshindernisse bedeuten. Das Gegenstück des rationalistischen Kalküls ist die kirchliche Gesinnung, insbesondere die katholische Weltanschauung, die ganz und gar in Tradition verankert ist, einer Tradition, die jede Einschränkung der Geburten verdammt.

Gegen die Erklärung des Geburtenrückganges aus der Änderung der psychischen Struktur der Massen ist von Teilhaber der Einwand erhoben worden, dieser Erklärung liege die „irre“ Voraussetzung zugrunde, daß die Menschheit noch vor 20 Jahren „voll und ganz von der Orthodoxie beherrscht gewesen wäre, während sie jetzt durchaus antireligiös sein soll.“ Diese Superlative sind, zumal der zweite, unangebracht. In Wahrheit war aber vor 20 Jahren nur eine geringfügige Minderheit der Religion entfremdet und jetzt ist es eine immer noch wachsende Mehrheit.

In die Erklärung des Geburtenrückgangs aus der „Rationalisierung des Geistes-

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 2. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 868. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_2.pdf/431&oldid=3270271 (Version vom 31.7.2018)