Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 2.pdf/598

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Gelöbnis des Glaubens, das der religiöse Herrscher acht Jahre früher in Aachen abgelegt hatte.

Jesuiten.

Dagegen sind die Bemühungen, den Jesuiten wiederum unbeschränkte Ansiedelung im Reiche zu gestatten, bisher immer am Widerstande des Bundesrates gescheitert, trotzdem ihre Zulassung bereits mehrmals vom Reichstage beschlossen wurde. Die heftige Opposition weiter protestantischer Kreise begreift sich leicht aus der Tätigkeit dieses Ordens gegen die Reformation, der Widerwille vieler Katholiken gegen ihn vielleicht am ehesten aus seiner Grundverschiedenheit von dem der Benediktiner. Nach unserer Überzeugung fürchten die Protestanten ebenso zuviel von den Jesuiten, wie die Katholiken meistens zuviel von ihnen hoffen, beide aus mangelhafter Kenntnis: letztere ziehen aus den wenigen ihnen vielleicht als Schriftsteller oder Volksredner bekannten tüchtigen Jesuiten einen Schluß auf den ganzen Orden, während erstere bald aus alten Schauermären über jesuitische Ränke und Schliche, bald aus den Lukubrationen einiger enfants terribles der Gesellschaft von heute ihr Urteil schöpfen. Je mehr die einen durch verallgemeinerndes Absprechen über den vielumstrittenen Orden sich Blößen geben, um so eifriger werden die andern ihn verteidigen und zurückgerufen wissen wollen. Der Kenner der Kirchengeschichte beurteilt die Sache nüchterner und objektiver. Er sagt sich, daß die Protestanten heute wenig von den Jesuiten zu fürchten hätten. Wenn diese sich geheimer Machinationen schuldig machen sollten, deren ihre Gegner sie bezichtigen, so werden bei der Menge der ihnen auflauernden Feinde in einer Zeit allgemeinster Publizität solche Machenschaften um so weniger für die Dauer verborgen bleiben können, je näher die Täter dem Beobachter gerückt sind. Vor der offenen Tätigkeit der Jesuiten aber sich zu fürchten werden die Protestanten wohl zu stolz sein, übrigens auch weniger als je Ursache haben. Der Orden war stark im Zeitalter der Gegenreformation, solange noch der Enthusiasmus und die „Rassenreinheit“ der Gründungszeit vorhielt. Und auch damals erzielte er seine Erfolge nicht ohne den weltlichen Arm, der namentlich alle störenden Einflüsse von außen fernhielt. Was den Jesuiten ohne diese Hilfe gelungen wäre, dafür fehlt das Kriterium des Experiments. Jedenfalls stände ihnen heute eine solche Unterstützung öffentlich kaum in einem Staate des Reiches zur Verfügung. Wie wenig tief aber die damals von ihnen ausgestreute Saat wurzelte, das zeigte sich z. B. in Österreich nach dem Toleranzpatent Josephs II., infolge dessen die noch von den Jesuiten geschulte Generation in Massen zum Protestantismus übertrat. Die jesuitische, mehr romanisch gefärbte, viel auf Äußerlichkeiten Wert legende Frömmigkeitsform war nicht imstande, die Gläubigen festzuhalten, nachdem der äußere Zwang weggefallen war. Und haben denn die Jesuiten mit all ihrer von den Regierungen unterstützten Macht in Frankreich und anderen Ländern den Jansenismus, nachher den Enzyklopädismus, haben sie in Bayern und Österreich den Illuminatismus und Josephinismus hintanzuhalten oder, nachdem diese Bewegungen ihr Haupt erhoben, sie zu überwinden vermocht? Der Kampf hat im Gegenteil fast überall mit ihrer Niederlage geendet. Nicht glücklicher sind sie im 18. und 19. Jahrhundert in den südlichen Ländern gegenüber dem Indifferentismus und Atheismus, in unseren Tagen gegenüber der Los-von-Rom-Bewegung

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 2. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1035. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_2.pdf/598&oldid=- (Version vom 31.7.2018)