Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 2.pdf/607

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Lehranstalten, bei den Katholiken nur 32, und das Defizit der letzteren sei in einer langsamen, aber stetigen Steigerung begriffen. Gehe das so weiter, so sei Gefahr, „daß mit der Zeit die Bevölkerung auch in überwiegend katholischen Ländern in zwei Klassen auseinanderfalle, in die herrschende Klasse der gebildeten Protestanten und in die beherrschte der katholischen Bauern und Handwerker“. Die Förderung der Wissenschaft sei daher in der Gegenwart die wichtigste Aufgabe des katholischen Deutschlands, man müsse die Wertschätzung der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Berufes in weiten katholischen Kreisen zu steigern suchen.

Ihre Ursachen.

Auf die Frage nach den Ursachen jenes Zurückbleibens wies derselbe Gelehrte auf die Säkularisation hin, durch die der katholische Volksteil nicht nur zahlreicher hoher und niederer Bildungsstätten, sondern auch reicher materieller Mittel beraubt worden sei. Diese Begründung mag nicht erschöpfend sein, sie mag der Ergänzung bedürfen, den souveränen Spott von F. X. Kraus verdiente sie nicht; denn daß eine solche Katastrophe auf Menschenalter hinein die Geschädigten ins Hintertreffen drängen mußte, leuchtet ein. Freilich waren auch in den letzten Zeiten des alten Reiches die katholischen Bildungsanstalten gewiß nicht in Blüte gestanden; die Folgen des Jahrhunderte hindurch geübten jesuitischen Absperrungssystems wirkten noch nach. Allein das Studienwesen auf katholischer Seite hätte zumal seit der Romantik in der allgemeinen geistigen Neubelebung ganz anderen Aufschwung nehmen können, wenn die reichen Mittel früherer Zeiten noch zur Verfügung gewesen wären. So gewichtig indes jener historische Grund auch ist, so muß neben ihm die prinzipielle Erklärung, welche H. Schell in seiner berühmten (ersten) Broschüre „Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts“ (1897) für die fragliche Erscheinung gegeben hat, herangezogen werden. Die so wohlgemeinte Schrift hat dem begeisterten Apologeten heftige Angriffe und Denunziationen zugezogen, welche an seinem Lebensmarke zehrten und sicher seinen frühen Tod mitverursachten; sie wurde auch in Rom mit anderen Werken Schells auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, womit aber natürlich die kirchliche Autorität über den Versuch, jene geschichtsphilosophische Frage zu lösen, sich nicht ausgesprochen hat. Schell wies darauf hin, daß der Protestantismus der geistigen Selbständigkeit des Individuums einen größeren Spielraum lasse, während die Geistestätigkeit der Katholiken jedenfalls seit Beginn der antiprotestantischen Entwicklung der Theologie und des Kultus unter Führung des Jesuitenordens durch einen überspannten Autoritätsbegriff über Gebühr gebunden worden sei. Das kann kein Vernünftiger, wenn er ehrlich sein will, leugnen, daß unter einem System beständiger Verdächtigung, wie es von einer herrschenden Schule gegen andere geübt wird, keine Blüte der Wissenschaft aufkommen kann. Der Beispiele hierfür sind es so zahlreiche und so bekannte, daß von deren Anführung abgesehen werden darf.

Theologische Fakultäten. Ihre schwere Stellung.

Um so höher ist angesichts der geschilderten Schwierigkeiten die wissenschaftliche Leistung zu werten, welche von den an deutschen Hochschulen durch die Staatsregierungen

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 2. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1044. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_2.pdf/607&oldid=- (Version vom 31.7.2018)