Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 2.pdf/622

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und der in Hoffnung gesäte Same geht nicht in Vaterlandsfreudigkeit auf, sondern verdorrte bisher in dem tiefen Wüstensande zwischen dem 14. bis 20. Lebensjahre und erlag der demagogischen Verhetzung.

Vorbildung der Studierenden.

Die Vorbildung unserer Studierenden hat aufgehört, ausschließlich humanistisch zu sein. Es war ein an hoher Stelle richtig erkanntes Gebot der Zeit, Privilegien abzuschaffen, die anderen Anstalten mit verschiedenem, aber gleich langem und intensivem Bildungsgange den Zugang zu der Universität verwehrten. Die Allerhöchste Verordnung hat die Gleichstellung aller drei Schulgattungen durchgeführt und den einzelnen Formen die Möglichkeit freier Konkurrenz mit ihrer älteren Schwester, dem humanistischen Gymnasium, gewährt. Noch ist kein sicheres Urteil darüber möglich, ob diese Zulassung der Wissenschaft und der Universität selbst nützen wird, deren Lehrer sich einem sehr ungleich vorgebildeten Schülerkreise gegenübersehen; am wenigsten werden sich Schwierigkeiten in Medizin und Naturwissenschaften einstellen, die in gewissem Sinne mit neuem Stoff beginnen, während andere Disziplinen wie Geschichte, Sprachwissenschaft und Recht schon bei Beginn der Studienzeit bestimmte Kenntnisse voraussetzen müssen; es ist klar, daß überall dort, wo es sich darum handelt, Begriffe und Erscheinungen der Gegenwart in die Vergangenheit zu verfolgen, der des Latein und Griechischen Unkundige sich größeren Schwierigkeiten gegenüber befindet und nur der Starke und Befähigte noch imstande ist, nach der Schulzeit das hierin Fehlende nachzuholen. Der wesentlichste Nutzen dürfte dem Realgymnasium und der Oberrealschule selbst erwachsen, die sich von dem Vorwurf und dem Hemmnis befreit wissen, daß ihr Abiturientenzeugnis nur halbe Berechtigung gewähre; praktisch aber dürfte es erst im Lauf der Zeit deutlich werden, zu welchem Studium der Lehrgang der einzelnen Schulen am zweckmäßigsten und gründlichsten vorbereitet hat.

Frauenstudium.

Ein weiterer vom Geist der Zeit geforderter Fortschritt war die Umgestaltung und Ausgestaltung der Mädchenschulen, die längst im Interesse der Frauenwelt eine weitere Vertiefung ihrer Aufgaben erheischten. Auch diese tiefgreifende und fast überall freudig begrüßte Entscheidung hat die Universitäten stark beeinflußt und ihren Schülern eine große Anzahl eifriger und bildungsfroher Mädchen zugeführt, die in ihren Hörsälen eine tiefere und freiere Bildung suchen und finden, als ihnen bisher zuteil geworden ist. Es ist nicht bekannt geworden, daß aus dieser Zulassung ernste Übelstände entstanden sind. Zwar ist nicht zu verkennen, daß die tiefe innere Verschiedenheit beider Geschlechter sich auch in der akademischen Luft nicht verleugnen wird, daß die andere Art, die Dinge aufzufassen und wissenschaftlich zu behandeln, Vorlesung und Übungen einen anderen Charakter aufprägen muß, der den Unterricht leicht auf einen anderen Ton stimmt und nicht allen Dozenten erwünscht ist; solange aber nicht Frauen-Universitäten errichtet sind, gibt es keine andere Möglichkeit, um die in der Frau schlummernden Bildungskräfte zur Blüte und zur Reife zu bringen, als den Zutritt der Frauen zu der Stätte strenger wissenschaftlicher Schulung,

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 2. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1059. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_2.pdf/622&oldid=3270463 (Version vom 31.7.2018)