Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/155

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herleiten lassen. Diese Ableitungen fanden wenig Beachtung. Als aber Heinrich Hertz 1888 experimentell nachweisen konnte, daß die bei einem elektrischen Funken auftretenden Störungen sich wie Lichtstrahlen im Raum fortpflanzen und daß sich die „Strahlen elektrischer Kraft“, wie er sie nannte, hinsichtlich der Reflexion und Brechung genau wie Lichtstrahlen verhalten und sogar einer Polarisation fähig sind, war die von Maxwell ausgesprochene Vermutung zur Tatsache geworden. Schon im Jahre 1857 hatte Feddersen in Leipzig beobachtet, daß der Entladungsfunke einer Leidener Flasche oszillatorischen Charakter trägt. Jedoch war diese Beobachtung vergraben und vergessen. Sie erschien nunmehr durch die Hertzschen Versuche neu erstanden und von fundamentaler Wichtigkeit wieder. Mühselig waren die Hertzschen Versuche, besonders aus dem Grunde, weil der Nachweis der Strahlen außerordentlich schwierig war, und weil der Mensch kein elektrisches Sinneswerkzeug besitzt, das die elektrischen Schwingungen unmittelbar ebenso empfindet, wie das Auge das Licht empfindet.

Kurz nach den Hertzschen Entdeckungen beobachtete Branly, daß lockeres Metallpulver dem elektrischen Strome einen großen Widerstand bietet, daß aber dieser Widerstand fast vollständig verschwindet, wenn das Metallpulver von elektrischen Schwingungen getroffen wird. Auf dieser Tatsache gründet sich die Konstruktion des sogenannten Kohärers oder Fritters, mit dem die elektrischen Schwingungen im Raum bequem nachgewiesen werden können. Stellt man einen Stromkreis her, der aus einem galvanischen Element, einer Klingel und einer mit losem Metellpulver gefüllten Glasröhre besteht, so wird das Metallpulver beim Auftreffen von elektrischen Schwingungen leitend, der Strom wird geschlossen und die Glocke ertönt. Die Empfindlichkeit des Branlyschen Kohärers kann soweit gesteigert werden, daß man die sich im Raum ausbreitenden elektrischen Wellen noch in großer Entfernung von dem die elektrischen Schwingungen anregenden elektrischen Funken nachweisen kann. Es erschien als ein Phantasiegebilde, wenn hier und da die Vermutung ausgesprochen wurde, daß man vielleicht Signale von einem Orte zu einem anderen durch elektrische Wellen auf größere Entfernungen würde übertragen können.

Drahtlose Telegraphie.

Doch dieses scheinbare Phantasiegebilde ist heute durch die drahtlose Telegraphie nicht nur zur Wirklichkeit geworden, sondern über alle Erwartung übertroffen. Die Verdienste Marconis, der sowohl an dem Sendefunken, wie auch an dem empfangenden Kohärer einen frei in den Luftraum ragenden Draht anbrachte und dadurch sowohl das Ausbreitungsgebiet der elektrischen Wellen vergrößerte als auch eine größere Menge der in den Wellen enthaltenen Energie in dem Kohärer auffing, dürfen nicht unerwähnt bleiben. Marconi versuchte vorwiegend auf rein technischem Wege die Reichweite der elektrischen Wellen durch Verstärkung der Energiequelle zu vergrößern, indem er mächtige elektrische Maschinen zum Speisen des Gebefunkens benutzte und am Geber die in den Raum ausgestrahlte Energiemenge durch Luftdrähte (Antennen) vergrößerte und ebenso durch mächtige an der Empfangsstation angebrachte Antennen einen relativ hohen Prozentsatz der Energie wieder einfing. Einen wesentlich anderen Weg zur Nutzbarmachung des durch die Hertzschen Versuche angeregten Prinzips

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1284. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/155&oldid=- (Version vom 31.7.2018)