Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/159

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

daß die Bewegung der Molekeln so erfolgt, wie es dem höchsten Grad der berechneten Wahrscheinlichkeit entspricht. Die ungeordnete Bewegung sehr kleiner Teile kann man bei den Brownschen molekularen Wimmelbewegungen beobachten. Wenn nämlich in einer Flüssigkeit sehr kleine Teile suspendiert sind, so kann man unter dem Mikroskop beobachten, daß diese in einer unaufhörlichen eigentümlichen zitternden Hin- und Herbewegung begriffen sind. Die Brownsche Molekularbewegung hat man direkt auf eine Bewegung der Molekeln zurückgeführt; doch sind die kleinen zitternden Teilchen nicht etwa die Molekeln selbst; sondern die suspendierten Teilchen werden durch den Stoß der Molekeln der Flüssigkeit in unaufhörlicher Bewegung gehalten. –

Mikroskop Abbe.[1]

Das Studium kleinster Teile ist an die technische Entwickelung des Mikroskops gebunden. Der Jenenser Physiker Abbe[1] hatte eine neue Theorie der optischen Instrumente aufgebaut, die nicht auf der geometrischen Optik allem fußt, sondern die die Wellennatur des Lichtes in den Vordergrund rückt. Er betrachtete das in den optischen Instrumenten erzeugte Bild nicht als eine einheitlich definierte geometrische Größe, sondern als ein Beugungsphänomen. Im Verfolg seiner Untersuchungen konnte er theoretisch die Grenze für die Leistungsfähigkeit eines Mikroskops berechnen. Er wies nach, daß Einzelheiten eines mikroskopischen Objekts, die kleiner als eine halbe Lichtwelle sind, also kleiner als 1/10 000 mm, nicht mehr aufgelöst, d. h. in ihrer wahren geometrischen Form erkannt werden können, selbst nicht unter Verwendung der allerbesten Materialien und unter Anwendung der höchsten optischen und mechanischen Präzision des Instrumentes. Scheinbar in Widerspruch mit diesem Dogma steht die Erfindung des sog. Ultramikroskops durch die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Jenenser Zeißwerkes Siedentopf und Zsigmondy im Jahre 1903. Das Prinzip des Ultramikroskops wird uns klar, wenn wir daran denken, wie die in einem Luftraum enthaltenen feinen Stäubchen auch mit bloßem Auge sofort wahrnehmbar werden, wenn sie seitlich durch einen Sonnenstrahl beleuchtet werden. Die genannten beiden Forscher machen die in einer durchsichtigen Flüssigkeit oder dem durchsichtigen Glase suspendierten kleinsten Teilchen durch seitliche Beleuchtung mit einer intensiven Lichtquelle selbst zu Lichtquellen, die nun bei der Beobachtung mit einem Mikroskop getrennt wahrgenommen werden können. Wenngleich die im Ultramikroskop wahrgenommenen Lichterscheinungen keinen Schluß auf die Form und Größe der lichtspendenden Pünktchen zulassen, so kann man mit dem Ultramikroskop doch wichtige Aufschlüsse über ihre Zahl, Ordnung und Lage finden. Das Ultramikroskop hat sich auch zum Studium der kleinsten Lebewesen, der Bakterien als fruchtbar erwiesen. Die ultramikroskopische Grenze liegt etwa bei 1/200 000 mm Durchmesser. Diese Größe ist dadurch bedingt, daß eine von einem so kleinen Körperchen ausgehende Lichtmenge auch bei der intensivsten Beleuchtung nur so viel Licht aussendet, als das Auge vermöge seiner Lichtempfindlichkeit noch eben wahrnehmen kann. Die Zeißwerke haben noch mehrere andere bahnbrechende Erfindungen gemacht; so müssen die Prismenfernrohre erwähnt werden, die 1895 von S. Czapski neu erfunden und von den Zeißwerken in brauchbarer Form konstruiert worden sind. Bei den Prismenfernrohren


  1. a b Druckfehlerberichtigung im 3. Band: lies „Abbe“ statt „Abbé“
Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1288. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/159&oldid=- (Version vom 31.7.2018)