Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/162

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verändert sich die Zusammensetzung der flüssigen Luft von selbst, wenn sie in einem offenen Gefäße steht, indem die leichter siedenden Bestandteile, d. i. besonders der Stickstoff, zuerst verdampfen. Infolgedessen reichert sich die flüssige Luft durch fraktionierte Destillation von selbst mit Sauerstoff an. Bei der fraktionierten Destillation der flüssigen Luft hat sich herausgestellt, daß außer den beiden Bestandteilen: Sauerstoff und Stickstoff, noch eine Reihe von sog. Edelgasen in der Luft enthalten ist, deren Reindarstellung zuerst Rayleigh und Ramsay 1895 gelungen ist. Diese Gase, von denen die wichtigsten Argon, Neon, Xenon und Krypton sind, heißen Edelgase, weil sie sich mit keinem andern Stoffe verbinden. In demselben Jahre wiesen Ramsay und Cleve auch das Vorkommen von Helium, das uns bisher nur in der Chromosphäre der Sonne und der Fixsterne bekannt war, auf Erden nach. Sie stellten das Gas zuerst aus dem Mineral Cleveit dar.

Sonstige Fortschritte.

Es ist nicht möglich, in dem vorgeschriebenen Raume alle wissenschaftlichen Fortschritte der letzten 25 Jahre zu behandeln. Daher mögen alle diejenigen Fortschritte, die auf dem Grenzgebiet zwischen Physik und Chemie erreicht worden sind, unberücksichtigt bleiben. Dazu gehören alle diejenigen Erkenntnisse, die mit der Elektrolyse, mit der Dissoziation der Molekeln und mit dem osmotischen Druck zusammenhängen. Neue Fragen über den Aggregatzustand der Körper sind durch Lehmann in Karlsruhe angeregt worden, der zuerst eigentümliche flüssige Gebilde in einer Flüssigkeit beobachtet hat, die er flüssige Kristalle nennt, und die in mancherlei Beziehung Eigenschaften zeigen, die sonst nur den festen Kristallen eigentümlich sind. Raummangel verbietet, auf die Frage der atmosphärischen Elektrizität einzugehen, sowohl was den natürlichen elektrischen Zustand der Atmosphäre, das Auftreten von geladenen Ionen, betrifft, wie auch die sich im Gewitter zeigenden abnormen Vorgänge. Das Studium der Luft-Ionen ist besonders durch Elster und Geitel in Wolfenbüttel angeregt und von einer großen Zahl namhafter Forscher in Angriff genommen worden. Hiermit steht in engem Zusammenhange die sog. Lichtelektrizität, deren fundamentale Erscheinung darin besteht, daß ein elektrisch geladener metallischer Körper seine Ladung verliert, wenn er von Licht bestrahlt wird. Unter anderen hat Hallwachs in Dresden viele wichtige Untersuchungen auf diesem Gebiete gemacht. Von Ebert in München rührt die Theorie her, daß die atmosphärische Elektrizität durch einen Gehalt des Erdbodens an Radium verursacht wird.

Von anderen wichtigen physikalischen Untersuchungen kann nur der Name genannt werden. So die Bestimmung der Gravitationskonstante, die 1896 von Richards und Krigar-Menzel ausgeführt worden ist, die Ausbildung der farbigen Photographie, die Untersuchung der magnetischen Eigenschaften gewisser Legierungen, deren Komponenten unmagnetisch sind (Heuslersche Legierungen), der Nachweis und die Messung des Strahlungsdrucks, den die Lichtstrahlen auf Körper ausüben, durch Lebedew und die sich daran anschließenden Theorien über astronomische Erscheinungen, z. B. über den Kometenschweif. Die lichtelektrische Wirkung des Selens, deren Ausnutzung der Münchner

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1291. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/162&oldid=- (Version vom 31.7.2018)