Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/170

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Joachimsthal in Böhmen arbeitete das Ehepaar Curie ein radioaktives Element heraus, dem sie den Namen Polonium gaben und das in seinen chemischen Eigenschaften dem Wismuth nahesteht. Dieser Entdeckung folgte die des dem Baryum verwandten Radiums aus Pechblende, bei dem das Ehepaar Curie von Bémont unterstützt wurde. 1899 fanden Debierne in Paris und unabhängig von ihm Giesel in Braunschweig neben dem Polonium das dem Lanthan nahestehende Aktinium. 1905 stellte Otto Hahn aus Thoriummineralien das Mesothorium und das Radiothorium dar.

Am besten von allen radioaktiven Substanzen ist das Radium untersucht, für seine elementare Natur spricht die Ähnlichkeit seiner Halogenverbindungen und seines Sulfates mit den entsprechenden Baryumverbindungen, wie die Unveränderlichkeit seines Spektrums. Sein Atomgewicht bestimmte Frau Curie zu 226,4. Durch Elektrolyse seiner Chloridlösung von Frau Curie und Debierne 1910 als Amalgam gewonnen, bleibt das Radium nach Abdestillieren des Quecksilbers als weißglänzendes, bei 700° schmelzendes radioaktives Metall zurück. Es sendet drei Arten von Strahlen aus, als α-, β-, γ- Strahlen unterschieden durch die Ablenkung, die sie im elektrischen oder magnetischen Felde erleiden. In diesen Strahlungen hat man eine freiwillige Zersetzung der Atome der radioaktiven Elemente zu sehen. Die α-Strahlen sind positiv geladene Heliumatome, eines der Zerfallprodukte des Radiums und der Radiumemanation. Die Engländer Rutherford und Soddy sprachen zuerst die Meinung aus, daß die α-Strahlen aus Heliumatomen bestehen könnten. Ramsay und Soddy fanden 1903, daß aus Radium in der Tat Helium entsteht. Die Radiumemanation verdichtete Rutherford 1909 mit flüssiger Luft, er sowie Whytlaw Gray und Ramsay erkannten in ihr ein zu den Edelgasen gehörendes Element vom Atomgewicht 222,5. Die flüssige Emanation unter dem Mikroskop betrachtet ist farblos durchsichtig. Die feste Emanation glüht wie eine winzige Glühlampe in hellem Glänze in stahlblauer Farbe, die bei tieferer Temperatur in ein leuchtendes Orangerot übergeht. Ramsay und Gray haben daher für das neue Element den Namen Niton vorgeschlagen. Beim weiteren Zerfall liefert das Niton α-Strahlen, positiv geladene Heliumatome, und Radium A, das sich dann weiter umwandelt. Zu den Umwandlungsprodukten des aus dem Uran entstehenden Radiums gehört auch das Polonium, und man vermutet, daß das schließlich daraus entstehende radioinaktive Element das Blei ist, eine Vermutung, die durch das Vorkommen von Blei in allen Uranmineralien gestützt wird.

Nach Rutherfords Theorie der Radioaktivität, der Desaggregationstheorie, verwandelt sich der radioaktive Urstoff stufenweise in andere, weniger beständige, bis schließlich ein radioinaktiver Stoff entsteht, dessen Natur allerdings bis jetzt in keinem Falle sicher erkannt ist. Diese Umwandlungen sind von einer Entfaltung von Wärme- und Strahlungsenergie begleitet, die unvergleichlich viel größer ist als bei irgendeinem anderen exoenergetischen Vorgang. Die Stoffmengen aber, die dabei in Betracht kommen, sind so gering, daß sie weder chemisch noch physikalisch aufzufinden gewesen wären, wenn nicht die Energie der Strahlung den Nachweis ermöglicht hätte.

Bis jetzt sind drei Familien radioaktiver Substanzen bekannt, die sich an Uran und Thorium anschlichen und über 30 Glieder zählen, und die man alle als chemische, teilweise

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1299. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/170&oldid=- (Version vom 31.7.2018)