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sehr kurzlebige Elemente anzusehen hat. Auf der ganzen Erdoberfläche verbreitet, rührt von ihnen der Heliumgehalt der Luft und mancher Mineralquellgase her, wie denn auch der Nachweis von Helium in der Atmosphäre der Sonne auf den Radiumgehalt dieses Gestirns schlichen läßt. In dem Spektrum einiger Sterne hat man ebenfalls Radium nachgewiesen. Radiumstrahlen üben die mächtigsten chemischen Wirkungen aus, sie zerlegen Wasser, wobei auch Wasserstoffsuperoxyd gebildet wird, sie ozonisieren Sauerstoff, sie färben Glas und Porzellan blau oder braun usw. Ihre zerstörende Wirkung auf lebende Gewebe benutzt neuerdings die Heilkunde zur Bekämpfung krebsartiger Geschwüre. Die Heilwirkung vieler Mineral- und Thermalquellen wird mit auf ihren Gehalt an radioaktiven Substanzen zurückgeführt.

Durch die Auffindung der Edelgase wurde die Chemie mit chemischen Elementen beschenkt, die sich anscheinend mit anderen Elementen nicht zu verbinden vermögen und daher für die Reaktionschemie noch ohne Bedeutung sind. Das gleiche gilt vorläufig von den radioaktiven Elementen, von denen zurzeit nur einige anorganische Radiumsalze bekannt sind.

Verflüssigung der elementaren Gase.

Schon bei der Besprechung der Entdeckung und der Trennung der Edelgase war von der flüssigen Luft und dem flüssigen Wasserstoff die Rede. Nach den Arbeiten von Raoul Pictet in Genf und Cailletet in Paris beschäftigten sich James Dewar in London, Wroblewski und Olszewski in Krakau mit der Gasverflüssigung. Olszewski gelang es 1883 zuerst, den Wasserstoff deutlich zu verflüssigen. Zur Herstellung größerer Mengen flüssiger Luft brauchbare, so genannte Gegenstromapparate erfanden 1895 Linde in München und Hampson in London. Morris Travers, damals Assistent von Ramsay, baute 1900 nach dem Vorbild des Hampsonschen Luftverflüssigers einen brauchbaren Wasserstoffverflüssiger. Beim fraktionierten Verdunsten größerer Mengen flüssiger Luft konnten Ramsay und Travers neben Argon Neon, Krypton und Xenon auffinden. Die Trennung von Helium und Neon gelang durch Abkühlung mit flüssigem Wasserstoff. Denn bei –252,5° wird Neon fest. Die größten Schwierigkeiten bot die Verflüssigung von Helium, die erst Kamerlingh Onnes in Leiden 1910 überwand. Es siedet unter Atmosphärendruck bei –269°. Durch Verdampfung von flüssigem Helium bei 0,15 mm Quecksilberdruck wurde die Temperatur auf –271,85° oder +1,15° absoluter Temperatur erniedrigt und so die tiefste, bis jetzt erreichte Temperatur hervorgebracht. Mit Hilfe flüssiger Luft und flüssigen Wasserstoffs lassen sich die Gase Fluor, Kohlenoxyd, Stickoxyd, Methan usw. unschwer in den flüssigen und festen Aggregatzustand überführen. Durch fraktionierte Verdunstung verflüssigter Luft kann man Sauerstoff und Stickstoff voneinander getrennt im Großen zu technischer Verwendung gewinnen.

Wasserstoff.

Am heftigsten von allen Elementen wirkt Wasserstoff auf das 1886 von Moissan isolierte Fluor ein. Wie Moissan 1903 gemeinsam mit Dewar zeigte, verbinden sich flüssiger Wasserstoff und festes Fluor unter Explosion zu Fluorwasserstoff. Von der Wirkung des Wasserstoffes auf Stickstoff und auf Metalle wird später die Rede sein.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1300. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/171&oldid=- (Version vom 31.7.2018)