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500° und 200 Atmosphären Druck, eine Entdeckung, die von großer technischer Bedeutung zu werden verspricht. 1889 erhielten Theodor Curtius und Jay das Hydrazin- oder Diamidhydrat als Zersetzungsprodukt des Diazoessigesters, später lehrten es Thiele aus Nitroguanidin, Duden aus Hexamethylentetramin, v. Pechmann und Mauck aus diazomethandisulfosaurem Kalium darstellen. Aus anorganischen Substanzen lieh sich Hydrazin ebenfalls gewinnen: durch Reduktion von Stickoxydkaliumsulfit, Nitramid und untersalpetriger Säure. Raschig fand 1907 eine technisch brauchbare Methode zur Hydrazinbereitung in der Einwirkung von Bleichkalk auf Ammoniak, wobei sich das zunächst entstehende Chloramin mit Ammoniak zu Hydrazin umsetzt. 1895 lehrte Lobry de Bruyn in Amsterdam das wasserfreie Hydrazin bereiten. Die Einführung des Hydrazins in die organische Chemie hauptsächlich durch Curtius und seine Schüler führte zur Entdeckung zahlreicher neuer Klassen von Hydrazinabkömmlingen. 1890 fand Curtius in dem Azoimid oder der Stickstoffwasserstoffsäure, dem Spaltungsprodukt von Benzoyl- und Hippuroylazoimid ein höchst merkwürdiges Analogon der Halogenwasserstoffsäuren. Später wurden Bildungsweisen des Azoimides aus anorganischen Substanzen bekannt. So zeigten Curtius 1893, daß Stickstoffwasserstoffsäure aus Hydrazin mit salpetriger Säure entsteht, W. Wislicenus, daß sich Natriumamid bei 150–200° mit Stickoxydul zu Natriumazid umsetzt, und der Russe Tanatar fand, daß Hydrazin und Chlorstickstoff aufeinander unter Bildung von Stickstoffwasserstoffsäure einwirken. Wie die Halogenwasserstoffsäuren gibt die Stickstoffwasserstoffsäure schwer lösliche Silber-, Blei- und Merkurosalze. Diese Salze sind wie die freie Säure sehr explosiv.

Stickstoffsauerstoffverbindungen.

Auch auf dem Gebiet der Stickstoffsauerstoffverbindungen sind zahlreiche neue Beobachtungen zu verzeichnen, von denen nur wenige hervorgehoben werden können. Das reine Hydroxylamin lehrte Lobry de Bruyn in Amsterdam 1891 kennen, es schmilzt bei +33° und siedet unter 22 mm Druck bei + 58°. Die Verfahren von Birkeland und Eyde, zwei norwegischen Forschern, und von Schönherr, Stickstoffoxyd aus Luft durch elektrische Flammen darzustellen, werden in der technischen Chemie besprochen. Das mit der Untersalpetersäure isomere Nitramid fanden 1894 Thiele und Lachmann bei der Behandlung von Nitrourethan mit Kalilauge.

Der elektrische Ofen.

Schon Ende 1891 gelangte W. Borchers zu der Überzeugung, daß sich durch Kohlenstoff bei genügend hoher Temperatur, wie sie elektrische Schmelz- und Reduktionsöfen hervorzubringen gestatten, alle Oxyde reduzieren lassen müssen. Einen sehr zweckmäßigen einfachen elektrischen Ofen führte Henri Moissan 1892 in die Wissenschaft ein. In der Hitze des elektrischen Flammenbogens schmelzen die feuerbeständigsten Oxyde, die meisten metallischen Elemente lassen sich verdampfen und mit Kohlenstoff zu Karbiden verbinden. Die Karbide sollen nach den Metallen behandelt werden und den Übergang zur organischen Chemie bilden.

Künstliche Diamanten.

Moissan gelang es auch, künstliche, allerdings sehr kleine, teils schwärzliche, teils farblose Diamanten darzustellen, indem er geschmolzenes, bei hoher Temperatur mit Kohlenstoff gesättigtes

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1302. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/173&oldid=- (Version vom 31.7.2018)