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künstlich dargestellten Kohlenstoffverbindungen ganz außerordentlich rasch. Die Arbeit der Chemiker in der organischen Chemie stellt in der Tat eine schöpferische Tätigkeit von überwältigender Größe dar. Denn die Zahl der künstlich dargestellten Kohlenstoffverbindungen, von denen wir mit Gewißheit behaupten können, daß sie nie als Produkt der Lebenstätigkeit der Pflanzen oder Tiere auftreten werden, also der wissenschaftlichen Arbeit der Chemiker ausschließlich ihr Dasein verdanken, übertrifft die Zahl der in der Natur vorkommenden bekannten Pflanzen- und Tierstoffe um das Vielhundertfache.

In den letzten 25 Jahren hat das System der Kohlenstoffverbindungen eine feste Gliederung angenommen, die auf der Bindungsweise der Kohlenstoffatome beruht. Man teilt sie demgemäß ein in drei große Gruppen: azyklische Substanzen oder Fettkörper, karbozyklische und heterozyklische Kohlenstoffverbindungen. Unterabteilungen bilden die gesättigten und ungesättigten Kohlenstoffverbindungen. Bei den azyklischen bilden die sauerstoffhaltigen Substanzen, die Alkohole und ihre Oxydationsprodukte, die Grundlage für die weitere Einteilung. Die Zahl der Klassen der gesättigten Alkohole und ihrer Oxydationsprodukte läßt sich nach R. Anschütz unter Anwendung der Summenformel für Kombinationen mit Wiederholung berechnen. An der Hand dieser Berechnungen kann man den Entwicklungsgrad dieser Gebiete bequem überblicken.

Nach diesen Vorbemerkungen behandeln wir zunächst Entdeckungen auf dem Gebiete der Pflanzen- und Tierstoffe, sowie ihrer Umwandlungsprodukte.

Steinöl.

Die Annahme, daß das Steinöl oder Petroleum tierischen Ursprungs ist, hat eine experimentelle Stütze durch C. Engler erhalten, der 1893 fand, daß beim Erhitzen von Fischtran unter Druck dem amerikanischen Petroleum ähnliche Produkte entstehen. Von verschiedenen Seiten ist überdies gezeigt worden, daß eine Reihe Steinölarten optisch aktiv sind.

Alkoholgärung.

Eduard Buchner fand 1897, daß der nach mechanischer Zerstörung der Hefezellen gewonnene Preßsaft Kohlenhydrate in Alkoholgärung zu setzen vermag. Ob in dem gärkräftigen Preßsaft als Ursache der Gärung ein Enzym, die Zymase, oder lebendes Protoplasma anzusehen ist, bleibt noch zu entscheiden. Felix Ehrlich fand 1905, daß die Bildung der Fuselöle auf Spaltung von Eiweißsubstanzen, die teils im rohen Zuckersaft vorkommen, teils aus der zugesetzten Hefe stammen, zurückzuführen ist.

Glyzerinsynthese.

Eine neue Synthese des Glyzerins lehrte 1897 Oskar Piloty kennen, dem es gelang, L. Henrys Nitrotertiärbutylglyzerin in Glyzerin überzuführen.

Blätteraldehyd.

Theodor Curtius und Hartwig Franzen bewiesen 1912, daß die von J. Reinke 1881 im Destillat grüner Blätter entdeckte aldehydartige Substanz αβ-Hexylenaldehyd ist, der wahrscheinlich ein wichtiges Zwischenprodukt für die Bildung der in Pflanzen vorkommenden Fettsäuren darstellt.

Kohlenhydratchemie.

Eine mächtige Förderung der Chemie der mehrsäurigen Alkohole und ihrer Oxydationsprodutte, zu denen Mannit, Sorbit, Traubenzucker und Fruchtzucker gehören, verdankt man in erster Linie den großzügigen Arbeiten von Emil Fischer, die mit der Einführung des Phenylhydrazins

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1306. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/177&oldid=- (Version vom 31.7.2018)