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des Benzols bis zu einem gewissen Grad verständlich erscheinen lassen. Thieles Ausführungen veranlaßten mit die Untersuchung achtgliedriger zyklischer Kohlenwasserstoffe durch E. Willstätter, bei der er im Zyklooktatetraen ein Azetylenhomologes des Benzols auffand. Das überraschend verschiedene Verhalten des Zyklooktotetraens und des Benzols oder Zyklohexatriens bei Additionsreaktionen zeigte aufs neue die Unzulänglichkeit unserer Konstitutionsformeln. Wenn auch die Formel für Benzol, die Kekulé für die wahrscheinlichste hielt, Schwierigkeiten für die Ableitung der Stellungsisomerien und manche Additionsreaktionen bietet, so stehen doch die Benzolringbildungen und die zahlreichen Benzolringspaltungen mit Kekulés Zyklohexatrienformel für Benzol im besten Einklang, und stützen sie geradezu. Durch Oxydation von Benzolderivaten haben Kekulé, Harries, O. Doebner, R. Kempf, R. Anschütz und G. Rauff, Jaffé, Gustav Schultz und O. Löw, durch gleichzeitige Oxydation und Chlorierung Th. Zincke, durch alkalische Reduktion Einhorn, Vorländer, R. Willstätter Spaltungsprodukte gewonnen, deren Entstehung auf Grund der Zyklohexatrienformel zu deuten keine Schwierigkeit bietet. Besonders hervorgehoben seien von diesen Spaltungsreaktionen die Umwandlung des Benzoltriozonids durch Harries in Glyoxal, und die im Tierkörper nach Einführung von Benzol durch Jaffé festgestellte Bildung von Mukonsäure. Im Verlauf seiner Versuche, den Benzolring nach Belastung mit Chloratomen zu sprengen, erhielt Zincke das Tetrachlororthobenzochinon. Das Orthobenzochinon selbst lehrte R. Willstätter 1904 kennen. Die Chemie der merkwürdigen und für die Farbstoffchemie wichtigen Klasse der Chinone ist, wie im Anschluß an das Orthobenzochinon bemerkt werden mag, durch Untersuchungen über Zweikernchinone, Methylenchinone, Chinole und verwandte Substanzen außerordentlich erweitert worden. Außer den vorgenannten beiden Forschern haben sich noch Auwers, Bamberger und Thiele um die Ausgestaltung dieses Gebietes verdient gemacht.

Von den mehrkernigen Kohlenwasserstoffen und den heterozyklischen Ringsystemen, die ganz ähnliche Probleme darbieten wie das Benzol, muß wegen Raummangel abgesehen werden, so viele experimentell schwierige und in den Ergebnissen wichtige und erfolgreiche Untersuchungen von deutschen und ausländischen Chemikern auch über diese Körperklassen vorliegen.

Entwicklung der theoretischen organischen Chemie.

Die Theorie der organischen Chemie hat sich großenteils an den Versuchen, die Isomerieerscheinungen zu erklären, weiter entwickelt. Die stereochemischen Vorstellungen sind seit Aufstellung der zur Erklärung der isomeren optisch aktiven Kohlenstoffverbindungen bestimmten Theorie vom asymmetrischen Kohlenstoffatom durch van’t Hoff und Le Bel (1877) immer tiefer in die Wissenschaft eingedrungen. So bemühte man sich erfolgreich, optisch-aktive Kohlenstoffverbindungen darzustellen, bei denen die optische Aktivität auf die Asymmetrie des Atomes eines anderen Elementes als Kohlenstoff zurückzuführen ist. In den letzten Jahren sind optisch-aktive Kohlenstoffverbindungen bekannt geworden mit asymmetrischem Stickstoff durch den Engländer W. J. Pope, durch Meisenheimer und durch Wedekind, mit asymmetrischem

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1316. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/187&oldid=- (Version vom 31.7.2018)