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und Lotze vermochten nicht gegen den Strom dieser Emanzipation von der Philosophie größere Erfolge zu erkämpfen, obwohl ihre Bedeutung für die Ausbildung einer physiologischen und einer experimentalen Psychologie willig anerkannt wurde. Die Einzelwissenschaften strebten überall nach selbständiger Gestaltung und erblickten in der philosophischen Ergänzungsarbeit günstigsten Falls eine unschuldige Liebhaberei von Leuten, die zu nichts Besserem taugten. Das Wort von der dürren Heide und der grauen Theorie wurde beifällig zitiert, wohl auch vergröbert. Im sicheren Besitze eines unumstößlichen und stetig fortschreitenden Wissens glaubte man selbst die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Philosophie bestreiten zu dürfen. Wissenschaft und Philosophie, die im Altertum zusammengefallen waren, klafften jetzt förmlich als Gegensätze auseinander, und ihre Begriffe schienen keine widerspruchslose Synthese mehr eingehen zu können.

Umschwung. Positivismus.

Wenn man nun doch wieder zu einer anderen Auffassung gekommen ist, so hat das verschiedene Gründe. Zunächst war der Positivismus bemüht, sich den Einzelwissenschaften durch ihre Systematisierung, die Pflege ihres Zusammenhangs und die Herausarbeitung ihrer Allgemeinheiten (der généralités scientifiques nach dem Ausdruck Comtes) dienstbar zu erweisen und unentbehrlich zu machen. Damit sicherte er sich einen Anteil an den einzelwissenschaftlichen Untersuchungen, deren Zersplitterung und wechselseitige Entfremdung für einen umfassenderen Fortschritt der Erkenntnis zur Gefahr werden mußte. Comte, John Stuart Mill und Spencer vor allen haben in diesem Sinne das Ansehen der Philosophie wiederhergestellt, freilich nicht, ohne sie selbst zugleich der Hauptsache nach preiszugeben. Wenn die Philosophie nur das System und der allgemeine Teil der Einzelwissenschaften ist, so hat sie aufgehört, neben ihnen besondere Gegenstände und Aufgaben zu behandeln. Daran ändert die Tatsache nichts, daß dieser Positivismus eine neue Wissenschaft, die Soziologie, ins Leben rief und für die Ethik eine neue Grundlage schuf.

Grundlegung der Einzelwissenschaften.

In Deutschland bildete die Kantrenaissance seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ein selbständigeres philosophisches Seitenstück zu der positivistischen Bewegung. Die Erkenntnistheorie erhielt hier die grundlegende Bedeutung zugestanden, die ihr bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Zu ihr gesellte sich alsbald die Logik, die seit den 70er Jahren eine durchgreifende Neubearbeitung erfuhr, nachdem ihr schon Mill trotz seines positivistischen Bekenntnisses eine selbständige, für alle Wissenschaften maßgebende Form verliehen hatte. So entstand eine Theorie der formalen und materialen Voraussetzungen aller Wissenschaften, die sich bald allgemeiner Anerkennung erfreuen durfte, seit hervorragende Vertreter der Einzelwissenschaften selbst solchen Überlegungen nachgingen und sie dadurch gewissermaßen sanktionierten.

Dabei regte sich rasch das Bedürfnis, die Probleme, die dazu gehörten, noch etwas mehr zu differenzieren. Eine Gegenstandstheorie erhebt seit den 90er Jahren den

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1149. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/20&oldid=- (Version vom 9.3.2019)