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hatte die Philosophie von diesem Wettstreit mit vertauschten Waffen den größeren Vorteil. Ihr hat die Berührung mit einzelwissenschaftlicher Forschung niemals geschadet, sie gewann daraus Probleme und Anregungen, festen Boden unter den Füßen und eine fruchtbare Erweiterung ihres Gesichtskreises. Zünftiger Abschluß ist, wie die Geschichte der Philosophie lehren sollte, nirgends weniger angebracht als in der Philosophie. Sie gleicht einer vieltorigen Stadt, zu der man von allen Himmelsgegenden den Zugang finden kann. Aber einheimisch wird man freilich nicht in ihr, wenn man nur gelegentliche Streifzüge bis in eines ihrer Tore hinein unternimmt.

Geschichte der Philosophie.

Waren die zuletzt geschilderten Wandlungen in der Philosophie vornehmlich dazu geeignet, sie den Naturforschern wieder zu empfehlen, so mußte der ausgiebige und exakte Betrieb in der Geschichte der Philosophie ihr namentlich bei den Vertretern der Geisteswissenschaften Anerkennung eintragen. Es ist ein großes Verdienst der Hegelschen und daneben der Schleiermacherschen Schule, die Bedeutung der philosophiegeschichtlichen Arbeit in helles Licht gestellt und durch zahlreiche glänzende Leistungen erwiesen zu haben. Deußens und Th. Gomperz’ eindringende und philosophisch durchleuchtete Schilderungen indischen und griechischen Denkens, Windelbands und Euckens zahlreiche und vielseitige historische Darstellungen, B. Erdmanns und Riehls, Vaihingers und Volkelts, Adickes, und H. Maiers, Cohens, Natorps und ihrer Schüler Forschungen, von Hertlings und Bäumkers Untersuchungen zur Philosophie des Mittelalters, Dyroffs Pionierarbeit in der Zeit des Übergangs zur neueren Philosophie u. a. legen in der Gegenwart für das ungebrochene Interesse an der Philosophie der Vergangenheit und für den großen historischen Sinn bei aller Genauigkeit im Kleinen gewichtiges Zeugnis ab. Die Strenge der historischen Methode ist hier in einem Maße zur Anwendung gekommen, daß die Geschichtsschreiber der Philosophie beanspruchen können, von jedem Historiker und Philologen als ihresgleichen beurteilt zu werden. Man kann sehr verschiedener Meinung darüber sein, ob die starke Beschäftigung mit der Philosophie der Vergangenheit einen günstigen Einfluß auf die positive Entwickelung unserer Philosophie ausgeübt habe, und vielleicht bei der Erwägung des Für und Wider zu einiger Skepsis gegen die Annahme eines solchen Einflusses neigen. Aber daß die philosophiegeschichtliche Arbeit wesentlich dazu beigetragen hat, das Ansehen der Philosophie bei den Einzelwissenschaften zu heben und zu befestigen, unterliegt keinem Zweifel.

Untersuchung der Geisteswissenschaften.

Den Geisteswissenschaften, die sich erst im 19. Jahrhundert ebenbürtig neben die Mathematik und die Naturwissenschaften gestellt haben, ist aber auch eine besondere eingehende Untersuchung gewidmet worden. W. Dilthey und Wundt, Windelband und Rickert haben vor allen ihren Begriff und ihr Ziel, ihre Methode und ihre Einteilung von erkenntnistheoretisch-logischen Gesichtspunkten aus vielfältig behandelt, ihre Grundlagen in einer Psychologie oder einer Wertwissenschaft gefunden oder geschaffen und ihre Ergebnisse für eine Philosophie des Geistes fruchtbar gemacht, zu der namentlich auch

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1151. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/22&oldid=- (Version vom 9.3.2019)