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schwersten Bauch- und Rippenfellentzündungen, der mit unheimlicher Schnelligkeit tötenden Zellgewebseiterungen, denen alljährlich eine große Zahl von Ärzten als Opfer des Berufes erliegt. Neben diesen wichtigsten Arten haben wir noch zahlreiche andere Mikroorganismen kennen gelernt, die gelegentlich oder immer eitererregende Eigenschaften entfalten, gegen die Staphylo- und Streptokokken jedoch an praktischer Bedeutung weit zurücktreten.

Listers antiseptische Wundbehandlung.

Durch die aufblühende bakteriologische Forschung war somit die Jahrhunderte lang in tiefes Dunkel gehüllte Bedeutung der Bakterien für die Entstehung der Wundinfektion endgültig geklärt worden. Auf die Annahme einer solchen äußeren, nicht im Körper selbst liegenden Schädlichkeit hatte Lister bereits seine epochemachende Behandlungsmethode gegründet; jetzt, wo man den Feind kannte, vermochte man den Kampf mit ihm weit zielbewußter zu führen. Listers Gedanke war, in der Wunde chemische Mittel auf die von ihm richtig vermuteten Keime wirken zu lassen, um sie, mit möglichster Schonung der Körpergewebe, zu vergiften und abzutöten. Solche Mittel heißen Antiseptika, weil sie der Fäulnis entgegenwirken, und die auf ihrer Anwendung beruhende Wundbehandlung wurde die „antiseptische“ genannt. Das von Lister eingeführte Karbol ist bald durch das von v. Bergmann und Schede empfohlene wirksamere Sublimat verdrängt worden, weitere Antiseptika wie das Salizyl, Bor, Thymol, vor allem aber das wichtige, durch v. Mosetig-Moorhof eingebürgerte Jodoform und seine zahlreichen Ersatzpräparate fanden und erprobten Chemiker und Ärzte in gemeinsamer Arbeit.

Luftinfektion.

Für besonders gefährlich hielt man im Beginne der antiseptischen Ära auf Grund der Pasteurschen Versuche die in der Luft schwebenden Keime. Nicht nur, daß man sie durch eine komplizierte Verbandtechnik nach vollendeter Operation von der Wunde fernzuhalten suchte, man glaubte vor allem auch die offene Wunde während der Operation vor den aus der Luft herabfallenden Bakterien auf jede Weise schützen zu müssen. Als wirksamste Methode zur Verhütung der Luftinfektion galt einige Zeit die mittels eines Dampfsprays erzielte feinste Verstäubung des Antiseptikums in der Luft des Operationssaales, ein Verfahren, welches durch die ständige reichliche Zufuhr von Gift auf dem Atmungswege gar manchen Chirurgen um Gesundheit und Leben gebracht hat. Erst jahrelange mühsame Untersuchungen stellten fest, daß die Luftinfektion in ihrer Bedeutung überschätzt worden war, denn man fand, daß fast nur harmlose Schmarotzerpilze in geringer Zahl, nicht aber die eigentlich gefährlichen Eitererreger die Luft zum Aufenthaltsorte wählen. Ja, Paul Bruns stellte sogar die wichtige Tatsache fest, daß es für eine bereits versorgte Wunde sehr viel günstiger ist, wenn durch austrocknende, aufsaugende Verbandstoffe die Wundsekrete nach außen abgeleitet, als wenn sie durch abschließende Verbände zur Stagnation gezwungen und dadurch zu Brutstätten der Batterien gemacht werden. So wurden Spray und hermetisch abschließender Wundverband verlassen.

Kontaktinfektion.

Der „Luftinfektion“ hatte schon Lister die „Kontaktinfektion“ gegenübergestellt, sie erwies sich im weiteren

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1368. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/239&oldid=3270706 (Version vom 31.7.2018)