Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/240

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Verlaufe der antiseptischen Ära als der weitaus gefährlichere Übertragungsmodus. Kontaktinfektion findet statt durch die Bakterien, welche an dem chirurgischen Instrumente, an der Hand des Operateurs, an der Haut des Patienten haften. Durch die während des Eingriffes notwendigen Manipulationen werden sie in die Wunde verbracht und können hier, falls sie den für den Menschen schädlichen „pathogenen“ Arten angehören, entweder zu mehr oder weniger schwerer lokaler Wundentzündung und Wundeiterung, oder auch zu rasch tödlicher septischer Allgemeininfektion führen. Mit einer geringen Anzahl nicht zu virulenter Keime vermag allerdings der Körper infolge seiner reichen Schutzkräfte erfolgreich den Kampf aufzunehmen, die Zahl und Virulenz der Bakterien jedoch, welche in vorantiseptischer Zeit bei einer Operation in die Wunde drangen, war so groß, daß die natürlichen Schutzmittel des Organismus niemals ausreichten, um Wundfieber und Eiterung zu verhüten.

Gegen diese durch Kontaktinfektion übertragenen Bakterien suchte man nun nach Listers Vorgang durch Spülung der Wunde mit antiseptischen Flüssigkeiten vorzugehen und erreichte dadurch in der Tat eine außerordentliche Verminderung der Wundinfektionen. Aber die Gifte, die schädigend auf die Bakterien wirkten, waren auch nicht gänzlich harmlos für die Körpergewebe, und niemals gelang es selbst der gründlichsten Wundirrigation, die zahlreichen Mikroorganismen unschädlich zu machen, welche bereits in die Gewebe eingedrungen waren. Hier liegen die Schwächen der antiseptischen Wundbehandlung, und wenn auch ihre Resultate zunächst befriedigten und gegenüber denen der früheren Zeit, in der die kleinste Operation zum Tode an allgemeiner Blutvergiftung führen konnte, sogar glänzende waren, so wuchsen doch mit der ständigen Besserung der Erfolge die Ansprüche und ließen die bei anti septischer Wundbehandlung noch immer nicht allzuseltenen Infektionen als schwerwiegende Nachteile erscheinen, die zu immer neuen Vervollkommnungen anregten.

Asepsis.

Gelang es nicht, die einmal in die Wunde eingedrungenen Bakterien auf gewaltsame Weise abzutöten, so blieb als einzige Lösung die an und für sich erstrebenswerte Forderung einer wirksamen Prophylaxe: es mußte verhindert werden, daß überhaupt Bakterien in die Wunde gelangen. Diesem Ideal gelten alle Bestrebungen der modernen Wundbehandlung, welche im Gegensatze zur antiseptischen als die aseptische bezeichnet wird. Welche Schwierigkeiten sich aber der Durchführung einer solchen Prophylaxe entgegenstellen, erhellt allein aus der einen, durch große Reihen von Einzeluntersuchungen erhärteten Tatsache, daß es kein einziges zuverlässiges Mittel gibt, die Haut völlig zu desinfizieren, gänzlich keimfrei zu machen. Somit mußte sowohl die Hand des Operateurs wie die bei der Operation zu durchtrennende Haut des Patienten eine ständige, kaum auszuschaltende Infektionsquelle darstellen.

Hand des Operateurs.

Verhältnismäßig leicht war die Ausschaltung der Hand des Operateurs zu erreichen. Zuerst versuchte man es mit dem sogenannten „händelosen Operieren“: man vermied ängstlich jede direkte Berührung der Wunde mit der Hand, und benutzte zu allen Manipulationen sicher sterilisierbare Metallinstrumente. An diesem Prinzip halten wir auch heute noch

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1369. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/240&oldid=3270707 (Version vom 31.7.2018)