Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/241

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nach Möglichkeit fest, obwohl wir über zuverlässige Mittel zur Ausschaltung der Hand verfügen; namentlich unterlassen wir bei Verbandwechseln grundsätzlich die unmittelbare Berührung, weil jede nicht ganz frische Wunde Bakterien enthält, und die einmal der Hand anheftenden Mikroorganismen nur sehr schwer wieder zu entfernen sind.

Weit sicherer als das nicht immer strikt durchführbare „händelose Operieren“ ist die Verwendung des Handschuhs bei der Wundbehandlung. Da ein völliger undurchlässiger Abschluß der auch trotz gründlichster Desinfektion niemals ganz keimfreien Hand erreicht werden muß, so kommt nur ein undurchlässiger und gleichzeitig gut sterilisierbarer Handschuh in Frage, der Gummihandschuh, den heute fast alle Chirurgen sowohl zu Operationen, wie zu infektiösen Verbandwechseln und Untersuchungen benutzen. Da die Gummihandschuhe glatt sind, und solche mit rauher Oberfläche sich nicht bewährt haben, so tragen viele Operateure über den Gummihandschuhen noch sterilisierbare Zwirnhandschuhe, die als alleinige Bedeckung der Forderung einer völligen Ausschaltung der Hand nicht genügen, als Überzug des Gummihandschuhes aber nicht nur dessen Glätte mindern, sondern auch ein wirksames Schutzmittel für den zarten Gummi darstellen. Die Handschuhe schließen unmittelbar an die Ärmel des sterilisierten Operationsmantels an und bedecken sie zum Teil, so daß Hand und Arm des Operateurs an keiner Stelle freiliegen und mit der Wunde nur Material in Berührung kommt, welches in strömendem Dampf oder durch Auskochen mit voller Sicherheit keimfrei gemacht worden ist. Man wird einwenden, daß es doch nicht möglich sei, mit einfachen oder gar doppelten Handschuhen überhaupt zu fühlen, um wieviel weniger sicher zu operieren. In der Tat haben wir alle, als die Handschuhe eingeführt wurden, erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden gehabt, in kurzer Zeit aber haben wir uns an den veränderten Zustand angepaßt, und heute kann wohl die Mehrzahl der Chirurgen kaum noch ohne Handschuhe operieren, weil das überfeinerte Gefühl der Finger und die Zartheit der verwöhnten Haut schon das feste Knüpfen eines Fadens nicht mehr verträgt.

Haut des Operationsfeldes.

Weit größere Schwierigkeiten als die Hand des Operateurs bot die Haut des Operationsfeldes. Auch hier hat man, da die üblichen Desinfektionsverfahren keine völlige Keimfreiheit erzielten, eine gewisse Ausschaltung der Haut zu erreichen versucht durch kollodiumartige Überzüge, die auch zur Bedeckung der Hand empfohlen wurden. Aber abgesehen davon, daß derartige Überzüge nicht haltbar genug sind, versagen sie naturgemäß an der Stelle, an welcher der Operationsschnitt die nicht keimfreie Haut durchtrennt. Eine große Zahl zum Teil komplizierter Desinfektionsverfahren, die sämtlich aufs eingehendste bakteriologisch geprüft wurden, hat hier lange Zeit eine wirksame Ausschaltung der Haut ersetzen müssen, voll befriedigt haben sie nicht. Erst in den letzten Jahren haben wir in der Grossichschen Jodtinkturdesinfektion ein ebenso einfaches wie zuverlässiges Verfahren kennen gelernt, das sich in kürzester Zeit allgemein eingebürgert hat. Ein zweimaliger Anstrich mit frisch bereiteter 5prozentiger Jodtinktur genügt, um das Operationsfeld mit einer Sicherheit zu desinfizieren, welche die früheren, für den Arzt zeitraubenden, für den Patienten infolge des vielen Reibens und Bürstens höchst unangenehmen Verfahren nicht zu bieten vermochten.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1370. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/241&oldid=3270708 (Version vom 31.7.2018)