Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/242

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Eine weitere Gefahr für die Wunde stellen Haar und Bart des Operateurs dar, von denen Staubteilchen herabfallen können; vor allem aber müssen als Infektionsquelle die feinsten Speicheltröpfchen gelten, welche nach den Untersuchungen Flügges bei jedem Sprechen auf größere Entfernung versprüht werden und selbst bei bester Mundpflege zahllose Keime enthalten. Obwohl wir uns bei Operationen möglichsten Stillschweigens befleißigen, ist doch ein völliges Vermeiden des Sprechens wegen der Anweisungen an Assistenz und Personal nicht durchzuführen. Deshalb bedecken wir Mund und Nase, Haupt- und Barthaar mit sterilen Hauben, Schleiern oder Masken und schalten auf diese Weise die genannten Infektionsmöglichkeiten aus.

Der übrige Körper des Operateurs wird über einer Gummischürze mit einem in strömendem Dampf sterilisierten Operationsanzug bekleidet, das Schuhwerk ist durch Gummischuhe abgedeckt, welche vor dem Betreten des Operationssaales angezogen werden und jedes Verschleppen von Schmutz in die Operationsräume verhindern. All dieser moderne Bekleidungsapparat, der vom Operateur nur die Augen freiläßt, gehört nicht zu den Annehmlichkeiten des chirurgischen Berufes, denn es ist nicht leicht, in Räumen, welche des zu operierenden entkleideten Patienten wegen überhitzt sein müssen und mit Wasser-, Alkohol- und Ätherdämpfen erfüllt sind, stundenlang eine anstrengende und höchst verantwortungsvolle Tätigkeit auszuüben. Trotzdem wird heute kein Chirurg, der weit größeren Sicherheit des Erfolges halber, diese vielleicht unbequemen Vorsichtsmaßregeln mehr missen wollen.

Sonstige aseptische Maßnahmen.

Mit gleicher Sorgfalt muß alles leblose Material behandelt werden, welches mit der Wunde in Berührung kommt. Die Instrumente werden durch Kochen in Sodalösung, die Verbandstoffe, welche zum Auftupfen des Blutes oder zum Ausfüllen und Bedecken der Wunde dienen, durch Erhitzen in strömendem Dampf keimfrei gemacht. Das Unterbindungs- und Nahtmaterial wird entweder durch Kochen oder, wenn es sich um tierisches Material (Catgut) handelt, mittels komplizierter chemischer Methoden sterilisiert. Kurz, es geschieht zur Verhütung der Wundinfektion alles, was in menschlichen Kräften steht. Trotzdem aber operieren wir, wie bakteriologische Untersuchungen einwandsfrei erwiesen haben, auch heute noch nicht keimfrei; die Zahl der bei der Operation in die Wunde dringenden Bakterien ist zwar außerordentlich verringert, jedoch nicht auf Null reduziert worden, und es würden trotz aller Vorsichtsmaßregeln noch zahlreiche Operationswunden vereitern, wenn nicht der Körper mittels seiner natürlichen Schutzkräfte die wenigen eingedrungenen Bakterien unschädlich machen würde. „Auf der keimvernichtenden Fähigkeit des Blutes beruht der Bestand der Welt“ hat schon 1874 Moritz Traube geschrieben. Die natürlichen Schutzkräfte des Organismus aber vermag der Operateur zu unterstützen, indem er durch eine vollendete Technik, durch rasches, sicheres und zielbewußtes Operieren die Wunden so gestaltet, daß den Bakterien die Ansiedelung nach Möglichkeit erschwert wird. Hier liegt die Ursache, warum trotz gleicher äußerer Kautelen nicht alle Operateure die gleich guten Resultate erzielen, denn der geschilderte Apparat stellt nur die notwendige Unterlage dar, auf der die ärztliche und technische Begabung des Chirurgen sich voll entfalten kann.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1371. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/242&oldid=3270709 (Version vom 31.7.2018)