Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/243

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Nicht minder wichtig als der Ausbau der aseptischen Wundbehandlung war für die Entwicklung der modernen Chirurgie die Besiegung des Schmerzes. Von jeher muß ein solches Ziel den Chirurgen vorgeschwebt haben, und doch haben wir weder aus dem Altertum noch aus dem Mittelalter Kunde von Erfolgen oder auch nur Bemühungen auf diesem Gebiete. Nur roheste Versuche sind uns bekannt geworden. Mittel, wie die gewaltsame Umschnürung eines zu operierenden Gliedes, wirkten eigentlich nur dadurch, daß ein heftiger Schmerz die Aufmerksamkeit vom anderen ablenkte. Erst das neunzehnte Jahrhundert hat auch hier die entscheidende Wendung herbeigeführt und die unendlichen Wohltaten der Narkose und der wirkungsvollen örtlichen Schmerzbetäubung geschaffen.

Narkose.

Die allgemeine Betäubung ist zwar schon in der ersten Hälfte des vergangenen Säkulums mit Lachgas geübt worden, die eigentliche Ära der Narkose aber beginnt erst um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als von Amerika aus im Jahre 1846 der Äther und schon im folgenden Jahre von England her das Chloroform zu uns gelangte. Zahlreiche andere Betäubungsmittel sind seitdem entdeckt und angewandt worden, sie haben dem Äther und Chloroform niemals ernsthafte Konkurrenz gemacht. Sehr merkwürdig ist es, daß das ursprüngliche Narkotikum, der Äther, von dem später eingeführten Chloroform zunächst fast völlig verdrängt wurde, daß aber in neuerer Zeit wiederum das Chloroform dem Äther hat weichen müssen. Die Gründe für die Niederlage des Äthers lagen vorwiegend in technischen Momenten, es sprachen gegen ihn seine Feuergefährlichkeit, die Schwierigkeit des Transportes, die größere zur Narkose notwendige Dosis. Daher blieben zunächst nur wenige Ärzte dem Äther treu, in klarer Erkenntnis seiner großen Vorzüge, nach und nach aber nahm ihre Zahl wieder zu, und heute gibt es kaum noch Operateure, welche die Betäubung mit Chloroform der mit Äther vorziehen. Den Umschwung hat die große, Hunderttausende von Narkosen umfassende Statistik der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gebracht. Sie ergab die anfänglich überraschende Tatsache, daß beim Äther auf etwa 5000, beim Chloroform aber schon auf 1200–2000 Narkosen ein Todesfall kommt. Dieses Zahlenverhältnis ergab sich immer wieder, je weiter die Statistik fortgeführt wurde, und damit war endgültig erwiesen, daß das Chloroform zwar das in der Anwendung bequemere, aber das weitaus gefährlichere Narkotikum ist. Der Unterschied der beiden Narkotika liegt vorwiegend in der Einwirkung auf das Herz, denn während der Äther ein beliebtes Anregungsmittel für das Herz darstellt, ist das Chloroform ein Herzgift, gegen welches selbst Menschen mit völlig gesundem Herzen eine unberechenbare Idiosynkrasie haben können.

Äthertropfnarkose.

Daß trotzdem der Siegeszug des Äthers zunächst noch auf sich warten ließ, hängt damit zusammen, daß die Technik der Äthernarkose schwieriger ist als die der Chloroformnarkose, und daß auch der Äther Nachteile besitzt, die besonders in einer starken Anregung der Speichel- und Schleimsekretion bestehen. Nachdem aber einmal die geringere Fährlichkeit der Äthernarkose einwandfrei erwiesen war, warfen sich nun die Chirurgen mit Feuereifer auf die

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1372. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/243&oldid=3270710 (Version vom 31.7.2018)