Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/244

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technische Vervollkommnung dieser Betäubungsart, und wir dürfen heute sagen, daß die Ätherbetäubung in Form der Tropfnarkose nach Witzel und in Verbindung mit der einschläfernden Wirkung einer Morphium-, Skopolamin- oder Veronalgabe dem Ideale der Allgemeinnarkose sehr nahe kommt.

Ätherrausch.

Ein großer Vorzug des Äthers besteht auch darin, daß er in Form des von Sudeck im Jahre 1901 eingeführten Ätherrausches auch für kurzdauernde Narkosen äußerst brauchbar ist. Wenige tiefe Atemzüge unter der Äthermaske genügen, um einen rauschähnlichen Zustand herbeizuführen, in welchem kleinere, für Lokalanästhesie ungeeignete Eingriffe völlig schmerzlos ausgeführt werden können. Das Verfahren hat den Vorzug der absoluten Gefahrlosigkeit und des Fehlens unangenehmer Nachwirkungen bei großer Sicherheit des Erfolges, daher hat es in Deutschland die ebenfalls für kurzdauernde Eingriffe geeigneten, aber nicht gänzlich ungefährlichen Narkosen mit Bromäthyl, Stickoxydul, Chloräthyl und Pental verdrängt oder nicht aufkommen lassen.

Mischnarkosen.

Die mit verschiedenen, außerhalb des Organismus gemischten Betäubungsmitteln ausgeführten Mischnarkosen, welche sich lange Zeit großer Beliebtheit erfreuten, sind ebenfalls durch die Vervollkommnung der Äthernarkose mehr in den Hintergrund getreten, dagegen findet die belebende Wirkung des Sauerstoffes in steigendem Maße bei der Allgemeinnarkose Verwendung.

Zuführung des Narkotikums.

Die Zuführung des Narkotikums geschieht vorwiegend durch die Atemwege: in geeigneten Masken, welche Mund und Nase bedecken, verdampft das Betäubungsmittel und wird mit der Atemluft aufgenommen. Um die Reizung der Mund-, Rachen- und Nasenschleimhaut, sowie die Behinderung des Operateurs durch die Maske bei Operationen an Gesicht und Hals zu vermeiden, hat man in neuester Zeit das Narkotikum auch mit Hilfe eines vom Munde eingeführten Rohres direkt in den Kehlkopf geleitet. Der von Kuhn 1902 angegebenen „pulmonalen Narkose mittels peroraler Tubage“ beginnt die von Meltzer und Auer 1910 erdachte Insufflationsnarkose den Rang streitig zu machen, ein Verfahren, bei dem durch ein, die Luftröhre etwa zur Hälfte ausfüllendes Gummirohr mit Hilfe eines Gebläses oder einer Sauerstoffbombe Druckluft in die Lunge eingeblasen wird.

Auch unmittelbar in die Ader hat man das Narkotikum eingeleitet, von der Erwägung ausgehend, daß das mit der Atmung aufgenommene Betäubungsmittel doch auch nur auf dem Blutwege zum Gehirn gelangt, und daß die Vermeidung der Atmungswege große Vorteile bieten müsse; der von Burkhardt 1909 angegebenen intravenösen Äthernarkose ist für Ausnahmefälle eine Brauchbarkeit nicht abzusprechen. Dagegen hat sich die Einführung verdunstender Betäubungsmittel vom Mastdarme aus (rektale Narkose) nicht bewährt, auch die Erzeugung der Narkose durch ausschließlich subkutane Einverleibung von Morphium oder Pantopon in Verbindung mit Skopolamin hat sich nicht einzubürgern vermocht, außer vielleicht in der Form einer Halbnarkose, des Dämmerschlafes, den die Geburtshelfer zur Bekämpfung des Wehenschmerzes benutzen.

Die Bestrebungen, die Giftwirkung des Narkotikums auf ein möglichst geringes

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1373. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/244&oldid=3270711 (Version vom 31.7.2018)