Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/245

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Maß herabzusetzen, haben Klapp zur Einführung der „Narkose bei verkleinertem Kreislauf“ veranlaßt. Die Methode beruht auf der Erfahrung, daß blutarme Kranke zur Erzielung der Inhalationsnarkose geringerer Mengen des Narkotikums bedürfen als kräftige, vollblütige Menschen. Auch bei dem von Momburg angegebenen Verfahren, nach Analogie der Esmarch’schen Blutleere durch festes Umlegen eines Gummischlauches um die Taille die ganze untere Körperhälfte bei sehr eingreifenden Operationen blutleer zu machen, werden stets auffallend geringe Mengen des Narkotikums gebraucht. Diese Erfahrungen machte sich Klapp zunutze und erreichte durch Abbinden der Gliedmaßen unmittelbar vor Beginn der Narkose eine künstliche Verkleinerung des Kreislaufs, bei welcher der in den Extremitäten zurückgehaltene Teil des Blutes vom Narkotikum unberührt bleibt. Die Klapp’sche Narkose hat zweifellos ihre großen Vorzüge, nur darf sie nicht bei gefäßkranken Menschen angewandt werden, da durch die mechanische Strombehinderung das Auftreten von Gerinnselbildungen in den Gefäßen begünstigt wird.

Örtliche Schmerzstillung.

Je mehr die Sicherheit des chirurgischen Eingriffes wuchs, je geringer die Zahl der postoperativen Todesfälle wurde, desto schwerer mußte jeder Unglückfall wiegen, der auf das Konto der Narkose zu setzen war. So gingen mit der Bemühung, die Gefahren der Allgemeinbetäubung nach Möglichkeit zu verringern, Hand in Hand die Bestrebungen, die Narkose überhaupt einzuschränken und sie durch die örtliche Schmerzstillung zu ersetzen. Es ist eine auffallende Erscheinung, daß erst in neuerer Zeit die Lokalanästhesie brauchbare Formen angenommen hat, während doch gerade vor Entdeckung der Narkose das Bedürfnis nach örtlich schmerzstillenden Mitteln am größten war. Die außerordentliche Entwicklung der chemischen Industrie, vor allem in Deutschland, ist hier der Medizin zu Hilfe gekommen, ihr ist es zu danken, daß wir heute über eine Fülle ausgezeichneter lokal anästhesierender Mittel verfügen, welche den von Ärzten ersonnenen mannigfachen Anwendungsmethoden ein immer weiteres Feld erschlossen haben.

Kälteanwendung.

Lange Zeit hat die örtliche Kälteanwendung die Lokalanästhesie beherrscht. Larrey, der große Leibarzt Napoleon I., hatte ihre Bedeutung auf dem Schlachtfelde von Preußisch-Eylau kennen gelernt, wo an den frosterstarrten Gliedern der Verwundeten schmerzlos Amputationen ausgeführt werden konnten. Von der gewöhnlichen, aus Eis und Salz bestehenden Kältemischung, deren Verwendung den Forderungen der Sauberkeit widersprach, ging man zum Ätherzerstäuber über, der heute wiederum durch den weit wirksameren Äthylchlorid-Spray ersetzt ist.

Kokain.

Die Kälte, deren Erzeugung stets mit einem leichten Schmerz verbunden ist, genügt indessen nur, um die oberflächlichen Hautpartien unempfindlich zu machen, die schmerzlose Ausführung größerer Operationen gestattet sie nicht. Dieser wichtige Fortschritt wurde erst ermöglicht durch Kollers Einführung des Kokains in die Medizin, jenes Mittels, welches von Niemann im Jahre 1859 aus den Blättern von Erythroxylon Coca hergestellt worden war. Das Kokain hat die größten Umwälzungen hervorgerufen und manche Disziplinen, wie die operative Augen-, Nasen- und Kehlkopfheilkunde,

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1374. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/245&oldid=3270712 (Version vom 31.7.2018)