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zum Rippenbogen vollkommen gefühllos geworden ist. Da diese Anästhesie 1–2 Stunden anhält und den ganzen Körperquerschnitt betrifft, so können in dem genannten Bereich die größten Operationen ohne die geringste Schmerzempfindung ausgeführt werden. Für große Eingriffe an den unteren Extremitäten und im Becken ist die Methode, deren Gefahren und unangenehme Nachwirkungen durch eine sorgfältig ausgebildete Technik jetzt sehr herabgemindert sind, ganz besonders geeignet; es gibt heute eine beträchtliche Zahl hervorragender Frauenärzte, die sich für große gynäkologische Operationen keines anderen Anästhesierungsverfahrens mehr bedienen.

Röntgenstrahlen.

Die epochemachendste Entdeckung, welche das letzte Vierteljahrhundert der Medizin gebracht hat, ist zweifellos die der Röntgenstrahlen. Am Ende des Jahres 1895 gab der Würzburger Physiker Konrad Röntgen seine Forschungen „Über eine neue Art von Strahlen“ bekannt. Die Begeisterung, welche sein Vortrag in der denkwürdigen Sitzung der physikalisch-medizinischen Gesellschaft zu Würzburg am 23. Januar 1896 hervorrief, verbreitete sich rasch über die ganze zivilisierte Welt, und sofort tauchte auch der Gedanke auf, daß es sich hier nicht nur um eine der bedeutungsvollsten physikalischen Entdeckungen handle, sondern daß auch die Medizin von ihr den größten Nutzen davontragen werde. Röntgen antwortete in jener Sitzung auf eine diesbezügliche Frage des großen Anatomen Kölliker, er müsse die Verwertung für die Medizin vertrauensvoll in die Hände der Ärzte legen. Sein Vertrauen hat ihn nicht getäuscht, denn mit einem Eifer ohnegleichen haben sich die Ärzte des neuen Verfahrens angenommen und, wie die Entdeckung selbst aus deutschem Geiste entsprungen ist, so ging auch von Deutschland die Bewegung aus, welche eine ganz neue Wissenschaft auf Röntgens Entdeckung gegründet und über alle Länder verbreitet hat.

Radiotherapie.

Die Perspektiven, welche sich bei Bekanntwerden der neuen Strahlenart für die Medizin eröffneten, sind weit hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben, denn das Verfahren hat sich nicht nur als ein diagnostisches Hilfsmittel allerersten Ranges erwiesen, sondern die Strahlen haben sich auch als Träger ganz unerwarteter, für die Behandlung mannigfacher Leiden brauchbarer Eigenschaften herausgestellt. Ja es scheint fast, als solle die Radiotherapie, jener von den Röntgenstrahlen ausgegangene neue Zweig der Heilkunde, berufen sein, den Jahrhunderte alten Traum der Menschheit von einem wirksamen Krebsheilmittel der Erfüllung näher zu bringen.

Durch die Röntgenologie, welche heut ein Spezialstudium erfordert und von besonderen Gesellschaften auf eigenen Kongressen gepflegt wird, während ihre technische Seite in dauerndem Fortschreiten begriffen ist, sind fast alle Zweige der theoretischen und praktischen Medizin befruchtet worden. Ihre außerordentliche Bedeutung für die Chirurgie ergibt sich daraus, daß die Lehre von den Knochen- und Gelenkkrankheiten, von den Knochenbrüchen und Verrenkungen auf eine gänzlich veränderte Basis gestellt worden ist, daß die Diagnostik der Erkrankungen der Schädel-, Brust- und Bauchhöhle bedeutend vervollkommnet werden konnte, daß die Behandlung der chirurgischen Hautaffektionen,

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1377. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/248&oldid=3270715 (Version vom 31.7.2018)