Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/252

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daß der Krebs im Anfange stets ein ganz lokalisiertes Leiden ist, und erst im späteren Verlaufe durch Verbreitung auf dem Lymph- und Blutwege zu einer Verallgemeinerung im Körper führt. Gelänge es, jeden Krebs in seinen Anfängen zu entdecken, so würde das Problem der Krebsbekämpfung gelöst sein, denn die im Frühstadium, vor Beginn der Weiterverbreitung, radikal entfernte Geschwulst kehrt fast niemals wieder. Daher bieten die Krebse, welche sich am frühesten bemerkbar machen, auch die besten Aussichten auf dauernde Heilung. Der Hautkrebs, der an der freien Körperoberfläche nur schwer der Beobachtung entgeht, wird bei rechtzeitiger Operation fast stets endgültig geheilt, der Lippenkrebs, der zwar auch früh auffällig wird, wegen seiner Häufigkeit bei der Landbevölkerung aber meist recht spät in Behandlung kommt, gibt trotzdem, selbst wenn man die ungünstigsten, vorgeschrittensten Fälle mit in Rechnung zieht, noch eine Dauerheilungsziffer von 50–60% durch die Operation. Liegt der Krebs jedoch versteckt in den inneren Organen, macht er erst spät Erscheinungen, so sind die Resultate der Operation weit schlechter. Auch hier bestehen charakteristische Unterschiede: so ist das Magenkarzinom fast nur operabel und wird fast nur dann durch die Operation dauernd beseitigt, wenn es am Magenausgang seinen Sitz an, weil es hier frühzeitig zu einer Verengerung und damit zu schweren Passagestörungen führt; sitzt es am Magenkörper, so bleiben diese Symptome lange aus, und der Krebs tritt klinisch erst zutage, wenn eine Operation nicht mehr ausführbar ist. Aber auch das am Magenausgang sitzende Karzinom macht sich doch im Vergleiche mit einem Haut- oder Lippenkrebs erst sehr spät bemerkbar: der Magenkrebs, den wir noch als gut operierbar bezeichnen, ist meist unendlich viel größer als ein Lippenkarzinom, das schon für recht vorgeschritten gilt.

Abgesehen von dem mehr oder weniger verborgenen Sitze bestehen aber noch andere Unterschiede im Charakter des Krebses, welche die Aussichten des operativen Eingriffes in sehr verschiedenem Lichte erscheinen lassen. So gehört das Zungenkarzinom zu den furchtbarsten Erscheinungen der Krebskrankheit überhaupt, obwohl es meist frühzeitig bemerkt wird; der außerordentliche Reichtum der Zunge an Lymphgefäßen, der komplizierte Muskelapparat des Organs, der die Krebskeime in die abführenden Lymphbahnen geradezu hineinmassiert, bedingt hier die besondere Bösartigkeit. Auf der anderen Seite wächst z. B. der Speiseröhrenkrebs nur langsam, verursacht auch frühzeitig bedrohliche Symptome, und doch ist er die ungünstigste Krebsform, weil die Speiseröhre zu den operativ unzugänglichsten Organen gehört.

Auch an ein und demselben Organe bestehen große Unterschiede in der Bösartigkeit des Karzinoms. Je zellreicher, desto maligner ist der Krebs. Während von den zellarmen Brustkrebsen, den sogenannten Skirrhen, ein großer Prozentsatz durch die Operation endgültig geheilt wird, ist jeder Fall des besonders zellreichen sogenannten Markschwammes der Brustdrüse, wie er namentlich im jugendlichen Alter beobachtet wird, als verloren zu betrachten. Überhaupt tritt ja der echte Krebs, das Karzinom – nicht nur das Sarkom – viel häufiger in verhältnismäßig jungen Jahren auf, als meist angenommen wird. Darm- und besonders Mastdarmkrebse sehen wir schon im zweiten Dezennium, Brust- und Magenkarzinome sind in den dreißiger und vierziger Jahren kaum seltener als im späteren Lebensalter. Es handelt sich hier nicht um eine Erscheinung, welche mit der keineswegs

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1381. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/252&oldid=3270720 (Version vom 31.7.2018)