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der gehäuften Beobachtung hat das Leiden mit der Blinddarmentzündung gemein, die ihrerseits sekundär ein Geschwür des Zwölffingerdarmes hervorrufen kann.

Auch die Resultate der wegen Magenkrebs ausgeführten Operationen werden von Jahr zu Jahr bessere, in erster Linie deswegen, weil die Patienten frühzeitiger zur Operation kommen. Es ist nicht nur die unmittelbare Sterblichkeit der von Billroth geschaffenen, durch v. Mikulicz vervollkommneten großen Operation ständig geringer geworden, sondern es nimmt auch die Zahl der Dauerheilungen entschieden zu. Die Resultate würden noch weit bessere sein, wenn nicht in weiten Kreisen das Vorurteil herrschte, der Magenkrebs sei eine unheilbare Krankheit, und deshalb die überwiegende Mehrzahl der Patienten viel zu spät den Chirurgen aufsuchte. Das Hauptziel der Magenchirurgie, welches in Schlesien wegen der Häufigkeit des Magenkrebses vielleicht mehr als in anderen Teilen unseres Vaterlandes bereits erreicht ist, muß darin gesucht werden, daß jeder Patient, bei dem der geringste Verdacht einer Krebserkrankung des Magens besteht, dem Chirurgen zum Zwecke des heute gänzlich ungefährlichen diagnostischen Leibschnittes so bald als irgend möglich zugeführt wird.

Rückenmark.

Ein Gebiet, auf dem die Erfolge ebenfalls ständig wachsen, obwohl es erst in jüngster Zeit für die operative Heilkunde gewonnen wurde, ist die Chirurgie des Rückenmarks. Es seien wiederum nur einige Beispiele herausgegriffen. Ein überaus qualvolles Leiden ist die Rückenmarksgeschwulst. Unabwendbar erlag ihr früher der Betroffene langsam und unter größten Schmerzen, ein Schicksal, das um so trauriger war, als die Neubildung in der Mehrzahl der Fälle gutartigen Charakter trägt und nur dadurch zum Tode führt, daß sie in dem engen Rückenmarkskanal mit zunehmendem Wachstum das Rückenmark förmlich abquetscht. Durch das fruchtbare Zusammenarbeiten mit der inneren Medizin und Nervenheilkunde, welches überhaupt zu den wichtigsten Errungenschaften des letzten Vierteljahrhunderts zählt, ist es hier wie auf vielen anderen Gebieten der Chirurgie gelungen, völligen Wandel zu schaffen. Wir legen heute ohne besondere Gefahr und Schwierigkeit das Rückenmark an der vorher aus den Symptomen genau bestimmten Stelle frei und entfernen vorsichtig die Geschwulst, ohne die wichtigen Leitungsbahnen des Rückenmarks zu schädigen. Das Heilungsresultat ist wegen der Gutartigkeit der Geschwülste meist ein dauerndes. Die erste erfolgreiche Operation bei Rückenmarkstumor ist im Jahre 1889 von Horsley und Gowers ausgeführt worden, heute sind bereits Hunderte von gelungenen Operationen dieser Art in der Literatur verzeichnet.

Einen höchst originellen Weg, der uns ermöglicht, einige bisher jeder Behandlung unzugängliche Krankheiten zu heilen, hat uns im Jahre 1908 der Breslauer Neurologe Otfried Foerster gewiesen. Es handelt sich vor allem um die angeborene Gliederstarre, die trostlose Littlesche Krankheit, bei deren schwersten Formen die Menschen als völlig starre Klötze in gänzlicher Hilflosigkeit dauernd ans Bett gefesselt sind. Foerster erkannte, daß die Ursache dieser Starre darin zu suchen ist, daß die von der Körperoberfläche ausgehenden Gefühlsreize, die normalerweise das Gehirn regelt, hier durch den

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1391. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/262&oldid=3270731 (Version vom 31.7.2018)