Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/264

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Auch eines der häufigsten Leiden des Harnapparates, die Vergrößerung der Vorsteherdrüse, die Prostatahypertrophie, wird heute mit bestem Erfolge operativ in Angriff genommen. Durch eine einfache und fast ungefährliche Operation, die Prostatektomie, wird der vergrößerte Teil des Organs, welches man früher für sehr unzugänglich gehalten hatte, entfernt und dadurch der überaus qualvolle Zustand der Patienten rasch und sicher beseitigt. Selbst äußerst heruntergekommene und sehr alte Männer pflegen den Eingriff, der stets in Rückenmark- oder Lokalanästhesie ein- oder zweizeitig ausgeführt wird, gut zu überstehen.

Extremitäten.

Die unzähligen Errungenschaften, welche die Chirurgie der Extremitäten in den letzten Dezennien zu verzeichnen hat, können hier nur angedeutet werden. Außerordentlich sind die Fortschritte der orthopädischen Chirurgie, die sich durch Hoffa, Lorenz und viele andere ebenfalls zu einem eigenen, an den meisten Universitäten als Sonderfach vertretenen Zweige unserer Wissenschaft emporgeschwungen hat. Die Orthopädie, welcher aus der Einführung der Röntgenstrahlen, der Wassermannschen Reaktion und anderer Entdeckungen allgemeiner Natur große Vorteile erwachsen sind, hat sich mit glänzendem Erfolge der Heilung der einzelnen Verkrüppelungen zugewandt. Als Beispiel sei nur das traurige Leiden der angeborenen Hüftverrenkung genannt, welches früher für unheilbar galt und heute mit großer Sicherheit durch die unblutige Einrenkung nach Lorenz oder in den hierfür ungeeigneten Fällen durch die operative Behandlung nach Hoffa und Ludloff geheilt wird. In der Therapie der Wirbelsäulenverkrümmungen, des Klumpfußes und zahlreicher anderer Deformitäten sind ebenfalls große Fortschritte gemacht worden, und die von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie auf Anregung von Biesalski eingeleitete Krüppelfürsorge ist ein Wert von allgemeinster humanitärer Bedeutung. Daß die soziale Gesetzgebung durch die regelmäßige Kontrolle der Behandlungsresultate allen Zweigen der Chirurgie, insbesondere aber der Orthopädie, hohen Nutzen gebracht hat, ist ein weiterer Vorzug dieser Großtat Kaiser Wilhelms I., durch welche Deutschland an die Spitze aller anderen Nationen getreten ist.

Die Lehre von den Knochenbrüchen und Verrenkungen ist durch die Röntgensche Entdeckung ebenfalls in ungeahnter Weise gefördert worden; nirgends ist die Bedeutung der Röntgenologie so augenfällig wie hier. Nicht nur unsere theoretischen Kenntnisse dieser Verletzungen sind vertieft und zum Teil völlig umgestaltet worden, auch die Diagnostik und Behandlung hat eine weit zuverlässigere Grundlage erhalten. Es ist heute undenkbar, daß man Knochenbrüche ohne das Hilfsmittel der regelmäßigen Kontrolle durch die Röntgenstrahlen behandelt. Unter den Fortschritten, welche die Therapie der Frakturen aufzuweisen hat, ist vor allem die Bardenheuersche Vervollkommnung der schon älteren Behandlung mit Zugverbänden zu nennen, ferner die Steinmannsche Nagelextension, bei welcher der Gewichtszug direkt an kräftigen, im peripheren Teile des gebrochenen Knochens befestigten Nägeln angreift.

Die Behandlung des Extremitätenbrandes läßt naturgemäß noch vieles zu wünschen übrig, verstümmelnde Operationen sind auch heute noch unvermeidbar. Immerhin

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1393. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/264&oldid=3270733 (Version vom 31.7.2018)