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haben. Bei Amphibien gelingt es sogar, überpflanzte Körperteile zur Weiterentwicklung zu bringen, doch nur, wenn die Transplantation im embryonalen Zustande sowohl des Spenders wie des Empfängers erfolgte, und wenn beide Tiere in sehr naher Artverwandtschaft stehen. Bei so niederen Tieren ist auch die Züchtung von Körpergeweben auf künstlichen Nährböden mit aller Sicherheit geglückt, während die Carrelschen Kulturen lebender Körperzellen von höheren Tieren heute noch von mancher Seite angezweifelt werden. Braus hat sogar das Herz eines Amphibienembryos auf dem Deckglas wachsen lassen und die Vergrößerung des pulsierenden Organes kinematographisch dargestellt.

Beim Menschen als dem höchststehenden Lebewesen haben wir leider nur mit beschränkten Überpflanzungsmöglichkeiten zu rechnen. Bei ihm ist die Auto-Transplantation, welche auch im Tierversuche stets die größte Sicherheit bietet, durchaus die Methode der Wahl, und das einzige Verfahren, bei dem das übertragene Gewebe mit einer gewissen Regelmäßigkeit am Leben bleibt und nicht nur substituiert wird. Zur Homoi-Transplantation greifen wir, wenn der zu überpflanzende Teil, z. B. ein größeres Gelenk, vom Patienten selbst nicht erhältlich ist. Die Hetero-Transplantation, die Übertragung vom Tier auf den Menschen, wird heute auf Grund der experimentellen Untersuchungen verworfen.

Überpflanzung aus dem Affen.

Nun scheint es, daß man in dieser Beziehung vielleicht etwas zu weit gegangen und überhaupt wohl ein wenig in den Fehler verfallen ist, vom Tierversuche zu sehr auf den Menschen zu exemplifizieren. Jedenfalls hat Küttner einwandfreie Erfolge mit der Transplantation aus dem Affen erzielt. Er verfügt über eine Beobachtung, bei welcher die Transplantation 1¾ Jahre zurückliegt, also eine Beurteilung des Resultates möglich ist. Das wegen angeborenen Mangels der Fibula übertragene Wadenbein eines Java-Affen (Macacus cynomolgus) ist in dem Kinderkörper vollkommen unverändert geblieben, es weist keine Spur einer Resorption auf, welche an dem schlanken Affenknochen in den 1¾ Jahren sicher deutlich geworden wäre, und die mitübertragene Wachstumslinie des Knochens ist haarscharf erhalten geblieben.

Sollte sich die Überpflanzung aus dem Affen weiter bewähren – die außerordentliche Ähnlichkeit der Skelettformation, die Möglichkeit, jugendliche Knochen mit Wachstumslinien zu übertragen, lassen sie besonders für das Kindesalter empfehlenswert erscheinen –, so wäre damit ein brauchbares Verfahren gewonnen, denn gänzlich einwandfreies, lebendes Transplantationsmaterial jeglicher Art ist auf keine andere Weise leichter zu beschaffen.

Nach der heute gebräuchlichen Nomenklatur handelt es sich bei dieser Überpflanzung aus dem Affen um eine eigentliche Hetero-Transplantation. Daß ihre beim Menschen gewonnenen positiven Ergebnisse mit den bei den üblichen Versuchstieren erzielten nicht übereinstimmen, hängt wohl damit zusammen, daß zwischen Mensch und Affe eine ziemlich weitgehende Blutsverwandtschaft besteht. Die von Uhlenhuth, Wassermann und Schütze, vor allem aber von Friedenthal und Bruck mit Hilfe der spezifischen Blutreaktion angestellten biologischen Differenzierungsversuche haben diese Verwandtschaft klar erwiesen.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1395. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/266&oldid=3270735 (Version vom 31.7.2018)