Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/267

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Wenn nun auch diese eine besondere Art der Hetero-Transplantation, welche den Affen als Spender verwendet, sich als gangbar erwiesen hat, so bleibt dennoch für die Operationen am Menschen die Auto- und Homoiotransplantation das gegebene Verfahren. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus die Überpflanzungsmöglichkeiten bei den einzelnen Geweben.

Überpflanzung ganzer Organe.

Zunächst ist die Frage zu entscheiden: Bietet die Transplantation ganzer Organe, an welche so außerordentliche Hoffnungen geknüpft worden sind, Aussicht auf therapeutische Erfolge? Die Möglichkeit, ganze Organe zu überpflanzen, ergab sich erst, als das Verfahren der Gefäßnaht in den Dienst der Transplantation gestellt wurde, denn die Übertragung des ganzen geschlossenen Organs konnte nur dann mit einer gewissen Aussicht auf Erhaltung des komplizierten Gebildes erfolgen, wenn dessen gesamter Kreislauf mit seinen zu- und abführenden Bahnen in das Gefäßsystem des neuen Standortes eingeschaltet wurde. Die technische Ausbildung der zirkulären Gefäßnaht, um welche sich besonders Alexis Carrel, Garrè und Stich verdient gemacht haben, hat hier die Wege geebnet. Sie hat uns in den Stand gesetzt, die Kontinuität quer durchtrennter Arterien und Venen wieder herzustellen, sie ermöglicht uns auch, ohne störende Gerinnselbildungen ein Gefäßgebiet an ein anderes anzuschließen und so den Blutstrom in neue Bahnen überzuleiten. Auch ein weitgehender Ersatz von Blutgefäßen ist durch die zirkuläre Gefäßnaht ermöglicht worden, denn es gelingt nicht nur, Arterienstücke in Arterien, Venenabschnitte in Venen zu implantieren, sondern es kann auch, was für die menschliche Pathologie besonders bedeutungsvoll ist, ein größerer Arteriendefekt durch ein, am besten vom gleichen Individuum entnommenes Venenstück gedeckt werden, wobei die Zirkulation erhalten bleibt und sogar eine Umformung der Venenstruktur stattfindet.

Eine unendliche Fülle mühsamster Arbeit ist nun darauf verwandt worden, diese Erfolge der Gefäßnaht und Gefäßtransplantation für die Überpflanzung ganzer Organe auszunutzen. Es seien nur die Experimente von Carrel, Stich, Enderlen und Borst erwähnt. Der praktische Erfolg hat leider der aufgewandten Mühe nicht entsprochen. Zwar ist es gelungen, eine vollkommen ausgelöste Niere, welche 50 Minuten lang jede Zirkulation entbehrt hatte, dem gleichen Hunde wieder einzupflanzen, indem die Gefäße des Organs an die der Milz, der Niere oder des Beckens angeschlossen und der Harnleiter wieder in die Blase eingepflanzt wurde. Es gelang sogar, die Funktionstüchtigkeit des Organs dadurch zu erweisen, daß dem Tiere ohne Schaden die andere Niere entfernt werden konnte. Aber der Versuch hatte doch nur dann einen dauernden Erfolg, wenn das Organ in das gleiche Tier zurückgepflanzt, also auto-transplantiert wurde, und mißglückte stets, sobald eine Homoio-, geschweige denn eine Hetero-Transplantation zur Ausführung gelangte.

So mußte man, wollte man überhaupt Organe und Organteile verpflanzen, wieder auf die alten Versuche zurückgreifen, die Transplantation ohne Rücksicht auf die Ernährung durch die Blutgefäße vorzunehmen. Versuche dieser Art sind schon vor längerer Zelt von Kocher, v. Eiselsberg, Enderlen und anderen angestellt worden. Sie experimentierten mit einem Organ, welches durch seine innere Sekretion und die mit der Organtherapie erzielten Erfolge für derartige Versuche ganz besonders geeignet erschien, mit

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1396. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/267&oldid=3270736 (Version vom 31.7.2018)