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verständlich, daß die Überpflanzung ganzer Extremitäten bisher kein brauchbares Resultat ergeben hat.

Nach all den Enttäuschungen, welche die Transplantation von Organen und hochorganisierten Geweben gebracht hat, haben wir gelernt, uns zu beschränken, und uns mit der Überpflanzung der einfacher organisierten Gewebe, vor allem der Stützgewebe, zu begnügen.

Überpflanzung von Haut, Schleimhaut, Fettgewebe, Faszie.

Den Ausgangspunkt aller Überpflanzungsversuche hat die Transplantation von Haut gebildet. Das Verfahren der Wahl ist das von Thiersch eingeführte, welches möglichst große und dünne Epidermislappen verwendet. Wird eine besondere Widerstandsfähigkeit der verpflanzten Haut gewünscht, so ist die Transplantation nach Wolfe-Krause, bei welcher die Haut in ihrer ganzen Dicke, jedoch ohne Fett übertragen wird, zu empfehlen. Die Transplantation von Schleimhaut bietet viel geringere Aussichten als die Überpflanzung von Haut, weil die Infektion sich in weit höherem Maße störend bemerkbar macht. Weit besser dagegen sind wegen der Möglichkeit, die Asepsis zu wahren, die Resultate der Transplantation von Fettgewebe, eines Verfahrens, welches ein vorzügliches Mittel darstellt, um eingezogene Narben zu korrigieren, und der nicht unbedenklichen Paraffininjektion weit vorzuziehen ist. Vielseitig bewährt hat sich die von Kirschner experimentell erprobte und in die Praxis eingeführte freie Faszien-Transplantation. Auch bei ihr ist wegen der Fülle des vorhandenen Materials stets die Autoplastik angebracht, als Entnahmestelle ist die widerstandsfähige Fascia lata des Oberschenkels besonders zu empfehlen, deren Defekt durch Naht sofort geschlossen werden kann.

Überpflanzung von Knochen.

Das wichtigste Gebiet der Transplantation ist unstreitig die freie Überpflanzung von Knochen. Als feststehende Tatsache kann heute gelten, daß frischer periostbedeckter Knochen dem toten, sterilisierten oder mazerierten unbedingt vorzuziehen ist. Verfügbares autoplastisches Material besitzen wir im Wadenbein, den Rippen, den Knochen einzelner Zehen und in Teilen, welche von dem festesten und gleichzeitig zugänglichsten Knochen des menschlichen Körpers, dem Schienbeine, der Tibia, abgespalten werden. Homoioplastiken, welche bei Übertragung großer Knochenabschnitte und Gelenke nicht zu umgehen sind, geben ebenfalls gute Resultate, wenn sie auch weniger sicher sind, als die der Autoplastiken.

Überpflanzung von Gelenken.

Den Höhepunkt dessen, was wir mit Hilfe der Transplantation heute überhaupt zu leisten vermögen, stellt die durch Lexer eingeführte Transplantation von Gelenken dar. Wir unterscheiden die Überpflanzung halber und ganzer Gelenke. Bei ersterer wird, z. B. nach Entfernung eines Knochengewächses, das betreffende Stück des Röhrenknochens mit dem zugehörigen Gelenkkopfe eingepflanzt; bei der ganzen Gelenktransplantation handelt es sich um die Verpflanzung beider Gelenkflächen samt einem ein bis zwei Finger breiten Knochenanteil und samt den etwaigen Gelenkinnenknorpeln und Bändern. Die Berechtigung beider Verfahren ist durch eine Anzahl von Lexer,

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1398. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/269&oldid=3270738 (Version vom 31.7.2018)