Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/270

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Enderlen und Küttner ausgeführter Operationen, bei denen bereits von Dauerresultaten gesprochen werden darf, erwiesen.

Überpflanzung aus der Leiche.

Die Hauptschwierigkeit liegt in der Beschaffung des Materials. Lexer verwandte Gelenke aus amputierten Gliedmaßen, doch ist gerade aus diesen einwandfreies Material nur schwer zu gewinnen. Deshalb hat Küttner die Transplantation aus der Leiche eingeführt. Die unerläßliche Voraussetzung dieses Verfahrens ist, daß die Überpflanzung mit allen Kautelen umgeben und nur ganz einwandfreies Material benutzt wird. Küttner hat hierfür genaue Vorschriften gegeben und auf den Chirurgenkongressen der Jahre 1911 und 1913 erfolgreiche Verpflanzungen des oberen Oberschenkelabschnittes mit dem Hüftgelenktopf aus der Leiche vorgestellt, welche beweisen, daß das Verfahren gute Dauerresultate liefert und offenbar eine Zukunft hat.

Auf dem Gebiete der freien Gewebsüberpflanzung ist in den letzten Jahren viel geleistet worden, manches vielleicht, was auf den ersten Blick abenteuerlich erscheint und doch nur auf konsequenter Weiterentwicklung des wissenschaftlich als richtig Erkannten und Erprobten beruht. Auf keinem Gebiete berühren sich die Naturwissenschaften, die schon so oft frisches Leben und neue Anregung in die praktische Medizin hineingetragen haben, so eng mit chirurgischer Wissenschaft und Kunst wie auf dem der Transplantation. Möge aus ihrem Zusammenwirken noch manche bedeutsame Errungenschaft hervorgehen!

Kriegschirurgie.

Diese Arbeit darf nicht schließen, ohne daß ein Teil der Chirurgie Erörterung fände, welcher in den letzten Jahrzehnten eine außerordentliche Wandlung erfahren hat, die Kriegschirurgie. Die Ursachen der großen hier erzielten Fortschritte liegen darin, daß die Kriegsheilkunde wie ihre Mutterwissenschaft, die Chirurgie, in den jüngst vergangenen Dezennien ihren Charakter vollkommen geändert hat, und zwar verdankt sie gleich jener ihre hauptsächlichste Förderung der Vertiefung unserer theoretischen Erkenntnis und der rationellen Anwendung des antiseptischen Prinzips. Neben diesen beiden Faktoren ist als ein mehr zufälliges fluktuierendes Moment die Änderung der gebräuchlichen Kriegsmittel zu nennen, welche Unterschiede in der Art der vorkommenden Verwundungen bedingt und dadurch sowohl günstig wie ungünstig auf die Heilerfolge wirken kann.

Vertiefung der theoretischen Erkenntnis.

Die Vertiefung unserer theoretischen Erkenntnis ist hier wie auf allen Gebieten der Chirurgie herbeigeführt worden durch sorgfältige pathologisch-anatomische Untersuchungen und durch das Experiment. Bis in das 19. Jahrhundert hinein waren die Vorstellungen von der anatomischen Beschaffenheit der Schußwunden höchst abenteuerliche gewesen, lehrte doch erst 1787 Ledran seine Zeitgenossen den Unterschied zwischen Ein- und Ausschuß kennen. Hier brachte nun das Experiment eine sprungweise Förderung, und nur dem Schießversuche verdanken wir unsere heutige, bis ins einzelne vervollkommnete Kenntnis der Verwundungen des Krieges.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1399. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/270&oldid=3270740 (Version vom 31.7.2018)