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Ernst von Bergmann! Er hat uns gelehrt, die Schußwunden trotz ihres Keimgehaltes als nicht infiziert zu betrachten, weil der Körper die Infektion überwindet, er hat die Sonde verbannt, die Fingeruntersuchung der frischen Wunde als Kunstfehler gebrandmarkt und dadurch unendlichen Segen gestiftet.

Die Erkenntnis, daß die frische Schußverletzung in erster Linie der Ruhe bedarf, damit die natürlichen Schutzkräfte des Organismus ungestört wirken können, ist heute zur Richtschnur jedes kriegschirurgischen Handelns geworden. Aus ihr ergeben sich als Grundregeln der modernen Kriegschirurgie: die aseptische Okklusion der frischen Wunde, die Zurückhaltung bei der Entfernung von Geschossen, die primäre Ruhigstellung der Gelenk- und Knochenschüsse, der schonende Transport; aus ihr ergibt sich auch, daß von dem Prinzip der Ruhe nur unter dringender Indikation abgegangen werden darf zugunsten operativen Handelns. Diese Zurückhaltung gilt so lange, als der Verwundete sich nicht unter Bedingungen befindet, welche eine dem Frieden entsprechende Indikationsstellung gestatten; denn der operative Charakter der modernen Chirurgie darf nur dort zur Geltung kommen, wo auch die moderne Sicherheit des operativen Erfolges durch die Gunst der Verhältnisse garantiert wird. Auf dem Verbandplatze ist dies nie, im Feldlazarette nicht immer der Fall, und so wächst die operative Indikationsstellung und nähert sich immer mehr der des Friedens, je mehr der Verwundete sich vom Schlachtfelde entfernt.

Chirurgie des Seekriegs.

Ein Kapitel der Kriegschirurgie ist berufen, in Zukunft eine große Rolle zu spielen, die Chirurgie des Seekrieges, der stets zu den grausamsten Erscheinungen der Kriegsgeschichte gehört hat. Die ersten größeren Erfahrungen auf diesem Gebiete hat der russisch-japanische Feldzug gebracht, während die spärlichen früheren Seekämpfe der letzten Dezennien uns wenig gelehrt haben.

Eine höchst wichtige Eigenart des Seekampfes liegt darin, daß auch ohne Verlust des ganzen Schiffes das Sanitätspersonal in einer Weise ausgeschaltet werden kann, welche im Landkriege undenkbar ist. So traf während der Schlacht am Yalu eine chinesische 30,5 cm-Granate das japanische Kriegsschiff „Hiyei“ und krepierte im Hauptverbandplatz. Beide Ärzte des Schiffes, die Mehrzahl der Lazarettgehilfen und Krankenpfleger wurden augenblicklich getötet, die übrigen schwer verletzt. Ein Dezennium später wurde in der Seeschlacht bei Tsushima auf einem russischen Schiff der gesamte ärztliche Stab durch das Kohlendioxyd der krepierenden japanischen Granaten betäubt. Eine weitere Besonderheit des Seekampfes besteht darin, daß sich eine unverhältnismäßig hohe Zahl schwerster Verwundungen auf engsten Raum und kürzeste Zeit zusammendrängt. Man bedenke, daß die Seeschlacht bei Lissa in 2 Stunden, die gewaltige Schlacht bei Tsushima nach der Angabe Togos gar in 37 Minuten entschieden wurde. Auch die Art der Verwundungen in der Seeschlacht trägt besonderen Charakter. Die Gewehrschußwunde verschwindet fast ganz, im Vordergrunde stehen die Zerreißungen durch die Fragmente der Granaten und die zersplitterten Holz- oder Metallteile des Schiffes. Vielfache Verwundungen sind überaus häufig. An typischen Verletzungen kommen hinzu die oft äußerst schweren Verbrennungen und Verbrühungen, die Läsionen durch den Luftdruck der feuernden Geschütze, die Betäubungen und Erstickungen durch giftige Gase.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1401. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/272&oldid=3270742 (Version vom 31.7.2018)