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Erkenntnisart für alle Gegenstände, die in unseren Gesichtskreis fallen, durchzuführen sucht. Der von seinen begeisterten Verehrern für den größten Philosophen der Gegenwart erklärte Bergson, ein zweifellos sehr eindrucksvoller Vertreter dieser Richtung, hat in selbständigen und tiefgehenden Untersuchungen einer neuen Metaphysik das Wort geredet, die den Dingen gewissermaßen ins Herz schauen soll und damit ihr absolutes Wesen, nicht ihre mannigfaltigen Erscheinungs- und Darstellungsformen zu erfassen hat. Wie wir uns selbst als einen einheitlichen und schöpferischen Strom des Werdens intuitiv erkennen, so können wir uns in das Innere aller Gegenstände versetzen und es intellektuell miterleben. Die Einzelwissenschaften verlieren sich an die Gesichtspunkte, unter denen wir unseren Begriffen gemäß die Dinge bestimmen. Solche stabilen Festsetzungen mögen praktischen Wert haben, der Einsicht in das Wesen der Gegenstände dienen sie nicht. Die mathematische Naturwissenschaft hat das ja auch anerkannt, indem sie von mechanischen Bildern spricht, die sie von der realen Natur entwerfe. Nur durch die Intuition wird es möglich, den starren Symbolen, mit denen wir in den Einzelwissenschaften arbeiten, den vollen Strom einer lebendigen Wirklichkeit gegenüberzustellen und die Metaphysik im Unterschiede von der relativierenden, alles in Beziehungen auflösenden und ausdrückenden positiven Wissenschaft das absolute Wissen finden und lehren zu lassen.

In typischer Form tritt uns hier das auch unsere Zeit beherrschende spiritualistische Vorurteil entgegen, daß die Selbsterkenntnis die einzig zuverlässige, das Wesen ihres Gegenstandes unmittelbar ergreifende, und alle andere Erkenntnis an die Befolgung ihres Verfahrens und an die Benutzung ihres Ergebnisses gebunden sei. Aus dem mühseligen Entwickelungsgange der Psychologie sollte man gelernt haben, daß uns die Selbsterkenntnis nicht durch bloße Intuition in den Schoß fällt, so wenig wie die Erkenntnis der Außenwelt durch intellektuelles Miterleben, durch eine Einfühlung in ihr inneres Sein erworben werden kann. Aber auch die alte Neigung, der Philosophie einen besonderen Königsweg zur Einsicht in die Welt zuzusprechen, einen Weg, dessen erfolgreiche Beschreitung nur wenigen Sterblichen und auch diesen nur in seltenen Stunden der Inspiration freisteht, zeigt sich hier wirksam. Man fragt sich unwillkürlich, warum die positive Wissenschaft, deren größte Fortschritte auch nur auf diesem Wege errungen sein sollen, überhaupt einen anderen betreten hat, der ihr nur ein Surrogat bieten konnte, und wie ein praktischer Vorteil mit dem Gebrauch von Symbolen verbunden sein kann, die die Erkenntnis nicht fördern, sondern sich wie ein undurchdringlicher Schleier zwischen den Forscher und seinen Gegenstand breiten. Gewiß gibt es glückliche Offenbarungen, die in allen Wissenschaften weiter tragen, als die kleinen Schritte, die wir in alltäglicher Arbeit zurücklegen. Aber sie verhalten sich zu diesen nicht wie die seltenen Treffer zu den Fehlschüssen oder wie das große Los zu den Nieten, sondern wie ein Erkundungsflug, der weite Gebiete überschauen und große Aufgaben bestimmen läßt, zu der langsamen Durchwanderung und zu der gründlichen Urbarmachung eines schwierigen Geländes. Entkleiden wir Bergsons Ideen des ästhetischen und mystischen Zaubers, der sie umschwebt und nicht zum mindesten an den glänzenden Symbolen haftet, in die sie gekleidet sind, so verblaßt ihr leuchtender Anspruch auf absolutes Wissen, so weit er nicht

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1158. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/29&oldid=- (Version vom 11.5.2019)