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I. Brückenbau
Von Dr.-Ing. Th. Landsberg, Professor a. D., Geheimer Baurat in Berlin-Wilmersdorf, Mitglied der Akademie des Bauwesens


Wissenschaft und Brückenbau.

Zwei so verschiedenartige Begriffe, zwischen denen es kaum Beziehungen zu geben scheint! Welche Fäden ziehen sich von den Gipfeln hoher, in den Wolken thronender Wissenschaft zu dem tief im Tale schaffenden Brückenbauer, zwischen Athene und Hephaistos? Bedarf man zum Bau von Brücken einer Wissenschaft? Ist nicht der Brückenbau ein Handwerk, höchstens, vornehm ausgedrückt, eine Technik, die man lernen und ausüben kann ohne tiefere wissenschaftliche Kenntnisse?

Solche Ansichten waren früher und sind auch heute noch in weiten Kreisen verbreitet. Trotzdem die Technischen Hochschulen den älteren Schwesteranstalten, den Universitäten, gleichgestellt sind, und das Recht haben, die Doktorwürde zu verleihen, können sich unsere gebildeten Stände schwer dareinfinden, die technischen Wissenschaften den sogenannten Geisteswissenschaften als gleichberechtigt an die Seite zu stellen.

Ganz besonders muß unter diesen Verhältnissen der Standpunkt bewundert werden, welchen unser Kaiser in der berührten Frage einnimmt. Es sei nachstehend ein Teil der Rede angeführt, welche der Kaiser gelegentlich der Einweihung der Technischen Hochschule in Danzig 1904 gehalten hat[1]:

„. . . die ungeahnte Entwicklung, welche die deutsche Technik seit dem Beginn des Zeitalters der Eisenbahnen nach allen Richtungen erfahren hat, haben wir nicht zufälligen Entdeckungen und glücklichen Einfällen, sondern der ernsten Arbeit und dem auf dem festen Boden der Wissenschaft fußenden, systematischen Unterricht an unseren technischen Hochschulen zu verdanken. Die Mathematik und die theoretischen Naturwissenschaften haben die Wege gewiesen, auf denen der Mensch in Gottes allgewaltige Werkstatt der Natur immer tiefer einzudringen vermag, die angewandte Wissenschaft hat diese Wege kühn beschritten und ist zu staunenswerten Erfolgen gelangt. Den technischen Hochschulen liegt es ob, theoretische und angewandte Wissenschaft zu fruchtbarem Zusammenwirken zu vereinigen und zwar mit der umfassenden Vielseitigkeit, die das auszeichnende Merkmal des in Deutschland entstandenen Typus dieser Anstalten bildet. Sie stellt in ihrer Eigenart eine wissenschaftliche Universität dar, die mit der alten Universität um so mehr verglichen werden kann, als ein nicht unbeträchtlicher Teil des Lehrgebietes beiden Anstalten gemeinsam ist. . .“

Was der Kaiser in der vorstehend wiedergegebenen Rede für die Technik allgemein ausgeführt hat, ist auch für den Brückenbau im besonderen richtig. Zwar wurden die ersten Brücken ohne wissenschaftliche Überlegung hergestellt. Bildet doch schon ein über einen Bach gelegter Baumstamm oder eine Holzbohle eine Brücke einfachster Art. Auf Grund der Erfahrung, auch wohl aufgeklärt durch Unfälle, ging man, vorsichtig tastend,


  1. Zentralbl. d. Bauverwaltung, 1904, S. 509.
Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1480. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/351&oldid=- (Version vom 31.7.2018)